SCRIPTURA PLENA

Scriptura Plena

FaithOSUnterstützenImpressumDatenschutz

Maria · Offenbarung 11–12

Vom geöffneten Himmel zur Frau mit dem Kind

Offenbarung 11,19 zeigt den geöffneten himmlischen Tempel und die sichtbare Bundeslade; unmittelbar darauf erscheint in Offenbarung 12,1–6 die Frau mit dem messianischen Kind, der Drache und die Flucht in die Wüste. Der Weg führt von den Schriftstellen zur Lehre der Kirche und zu der Frage, wie sich die Frau als Bild des Gottesvolkes zu Maria verhält. Typologie meint dabei eine Weise, die Schrift zu lesen, in der ein Bild ein späteres Geschehen vorbereitet und deutet.

3 Fragen · Alle Bibelstellen im Wortlaut · Quellen zum Prüfen

Eine Marienfigur im blauen Mantel hält warmes Licht; dahinter liegen Gartenbogen, zwölf kleine Lichter und ein Weg zum Sonnenaufgang.
MariaKI-generierte Illustration
Vor dem LesenBetend lesen

Im Geist hören

Die Heilige Schrift ist Gottes Wort in menschlichen Worten. Wer sie liest, darf um den Geist bitten, der die biblischen Verfasser inspiriert hat und die Kirche in alle Wahrheit führt.

Komm, Heiliger Geist.

Öffne unseren Verstand für Gottes Wort und unser Herz für Christus. Lehre uns, die Heilige Schrift im Glauben der Kirche zu hören, und führe uns dazu, das Erkannte zu leben. Amen.

Im Gebet wird die Schriftlesung zum Gespräch mit Gott.

Bibelzitat, redaktionelle Erläuterung und Gebet bleiben klar unterschieden. Als Heilige Schrift gilt nur der gekennzeichnete Bibeltext; Erläuterungen und Gebete sind redaktionell verantwortet und anhand ihrer Quellen prüfbar.

Zum Weiterlesen:Dei Verbum 12 und 25Verbum Domini 15–16 und 86–87

Lade und Frau Bibel und Textverständnis

Die Lade im himmlischen Tempel, und gleich darauf die Frau mit dem Kind

Die beiden Stellen stehen in einer Folge: erst öffnet sich der himmlische Tempel mit der Bundeslade, dann tritt die Frau mit dem messianischen Kind hervor.

Der Tempel Gottes im Himmel wurde geöffnet und in seinem Tempel wurde die Lade seines Bundes sichtbar: Da begann es zu blitzen, zu dröhnen und zu donnern, es gab ein Beben und schweren Hagel.

Auszug aus Offb 11,19 · EÜ 2016 · © KBA 2016

Was die Stelle zum Argument beiträgt

Nach dem Erscheinen der Lade im Himmel erscheint die Frau mit dem männlichen Kind und wird vom Drachen verfolgt.

Offb 11,19–12,6: Zusammenhang und Übersetzung

Offenbarung 11,19 öffnet den Blick in den himmlischen Tempel, und die Bundeslade wird sichtbar, das Zeichen der Gegenwart Gottes. Unmittelbar danach erscheint in Offenbarung 12,1–6 eine Frau, zu der das messianische Kind gehört; der Drache stellt sich dem Kind entgegen, und die Frau findet ihren Weg in die Wüste. Was hier zu lesen ist, sind Bilder: die Lade als Zeichen göttlicher Gegenwart, die Frau als Gestalt der messianischen Geburt, der Drache als Gegenmacht, die Wüste als Ort des Bergens.

Aus dieser Abfolge erwächst eine typologische Verbindung von himmlischer Lade, der Frau und dem messianischen Kind: Die Lade zeigt den Ort der Gegenwart Gottes, und die Frau trägt das messianische Kind, in dem Gott Mensch geworden ist. Der Blick geht dabei über den einzelnen Vers hinaus: Die Bildfolge der göttlichen Gegenwart und der messianischen Geburt eröffnet eine Zusammenschau, in der die Mutter des Messias in der Frau vor Augen steht. Diese Zusammenschau trägt den Bezug der Frau auf Maria mit und wahrt zugleich die Weite des Bildes: Die Frau bleibt mehrschichtig und umfasst das Gottesvolk und die Kirche in sich. So liegt eine geordnete Folge von Bildern vor, die auf den Messias hin zuläuft.

Gottesmutter und Kirche Glaube und Überlieferung

Die Kirche liest die Folge als Bild der Gottesmutter und der Kirche

Die Kirche empfängt Offenbarung 11,19 und 12,1–6 durch ihre Liturgie, durch den Katechismus und durch ihre Lehre über Maria im Geheimnis Christi und der Kirche.

Der Katechismus der Katholischen Kirche (KKK) verbindet in den Nummern 1138 und 2853 die Frau der Offenbarung mit der Gottesmutter und mit der neuen Eva. Das Hochfest Mariä Aufnahme liest diese Texte in der Liturgie im Horizont der Gottesmutter und der Kirche; darin zeigt sich, wie die Feier der Kirche die Stelle aufnimmt. Lumen gentium (LG), das Konzilsdokument über die Kirche, trägt in Nummer 63 den Zusammenhang von Maria und Kirche: Maria steht als Typus der Kirche, als Urbild, dem die Kirche nachgebildet ist. In dieser Gestalt ist Maria im Geheimnis Christi und der Kirche gegenwärtig.

Auch die Lehre von der Aufnahme Mariens steht in diesem Zusammenhang: Munificentissimus Deus erinnert daran, dass die scholastischen Lehrer die Aufnahme in der Frau, mit der Sonne bekleidet, angedeutet sahen (Nr. 27). Begründet hat Pius XII. die Definition jedoch mit Marias einzigartiger Verbindung mit ihrem Sohn, ihrer Bewahrung vor der Erbsünde und ihrer Teilhabe an Christi Sieg über Sünde und Tod (Nr. 38–40). Die Folge aus himmlischer Lade, Frau und messianischem Kind reicht damit in das Ganze der Marienlehre hinein: Was die Stellen an Bildern zeigen, entfaltet die Kirche in ihrer Lehre und in ihren Festen. Weil das Bild mehr als eine Gestalt umfasst, bleibt die Frage nach seiner Reichweite: Steht die Frau für das Gottesvolk oder für Maria?

Quellen zu dieser Frage 3

Die Frau als Gottesvolk Glaube und Überlieferung

Die Frau steht für das Gottesvolk, und Maria hat in diesem Bild ihren Ort

Die Frau der Offenbarung kann als Bild für Israel, für das Gottesvolk und für die Kirche gelesen werden; daraus erwächst die Frage nach dem Ort Marias in diesem Bild.

Der Einwand liest die Frau als Bild des Gottesvolkes: Sie steht für Israel, für das Volk Gottes und für die Kirche. Der Einwand trifft damit ein Stück des Textes selbst: Die Weite des Bildes gehört zu seinem Zeugnis. Wer die Frau auf eine Deutung festlegt, verliert genau die Spannweite, die der Text ihm anbietet. Dieses weite Bild trägt die Frage, welchen Ort Maria darin hat; der folgende Absatz zeigt, wie die Kirche Bild und Person zusammenhält.

Die Kirche nimmt diesen weiteren Horizont ernst. Die Frau bezeichnet das Gottesvolk und die Kirche und ist zugleich als Mutter des Messiaskindes auf Maria bezogen. Die Folge mit der himmlischen Lade trägt diese christologische Zusammenschau, in der Maria, die Kirche und das Gottesvolk auf je eigene Weise im Geheimnis des Messias stehen. Die Lade zeigt die Gegenwart Gottes, die Frau das messianische Geschehen; jedes der Bilder behält seinen eigenen Ort und trägt doch denselben Messias. Gerade diese Mehrschichtigkeit wahrt die biblische Weite und erklärt, warum Maria in der Rezeption der Kirche gegenwärtig ist. So trägt die Frau das Gottesvolk, die Kirche und Maria, und die himmlische Lade ordnet diese Folge auf den Messias hin.

Quellen zu dieser Frage 2
← Zur Übersicht: Maria