Schrift und Überlieferung
Die Schrift ist von Gott eingegeben und nützlich für Lehre und Leben
Paulus beschreibt im zweiten Timotheusbrief, worauf die Schrift ruht und was sie bewirkt: Sie kommt von Gott und dient der Lehre, der Überführung, der Korrektur und der Erziehung in der Gerechtigkeit. Dieser Satz trägt die Autorität der Schrift für den Glauben und für das Leben. Aus ihm erwächst zugleich die Frage, ob damit jede weitere verbindliche Quelle des Glaubens überflüssig wird.
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Die Schrift erschließt sich in dem Heiligen Geist, in dem sie geschrieben wurde. Ein kurzes Gebet stimmt auf das Lesen ein.
Vor dem LesenBetend lesen
Im Geist hören
Die Heilige Schrift ist Gottes Wort in menschlichen Worten. Wer sie liest, darf um den Geist bitten, der die biblischen Verfasser inspiriert hat und die Kirche in alle Wahrheit führt.
Komm, Heiliger Geist.
Öffne unseren Verstand für Gottes Wort und unser Herz für Christus. Lehre uns, die Heilige Schrift im Glauben der Kirche zu hören, und führe uns dazu, das Erkannte zu leben. Amen.
Im Gebet wird die Schriftlesung zum Gespräch mit Gott.
Bibelzitat, redaktionelle Erläuterung und Gebet bleiben klar unterschieden. Als Heilige Schrift gilt nur der gekennzeichnete Bibeltext; Erläuterungen und Gebete sind redaktionell verantwortet und anhand ihrer Quellen prüfbar.
Zum Weiterlesen:Dei Verbum 12 und 25Verbum Domini 15–16 und 86–87
Eingebung und Wirkung Bibel und Textverständnis
Die Schrift ist von Gott eingegeben und rüstet den Menschen für jedes gute Werk zu
Der Vers nennt Herkunft und Wirkung der Schrift in einem Atemzug.
Jede Schrift ist, als von Gott eingegeben, auch nützlich zur Belehrung, zur Widerlegung, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit, damit der Mensch Gottes gerüstet ist, ausgerüstet zu jedem guten Werk.
Auszug aus 2 Tim 3,16–17 · EÜ 2016 · © KBA 2016↗
Was der Text unmittelbar zeigt
Die Schrift ist von Gott eingegeben und nützlich für Lehre, Zurechtweisung, Besserung und Erziehung in der Gerechtigkeit.
Paulus erklärt, dass die ganze Schrift von Gott eingegeben ist. Er schreibt ihr damit göttliche Herkunft zu und gründet ihre Autorität in Gott selbst. Im selben Satz benennt er, wozu die Schrift nützlich ist: für die Lehre, für die Überführung (die Widerlegung), für die Korrektur (die Besserung) und für die Erziehung in der Gerechtigkeit. Diese vier Aufgaben beschreiben, was die Schrift im Leben des Glaubens tatsächlich tut. Überführung meint das Aufdecken dessen, was vor Gott nicht bestehen kann; Korrektur meint das Zurechtbringen eines Weges, der in die Irre geführt hat; Erziehung in der Gerechtigkeit meint das Einüben eines Lebens, das Gott entspricht.
Das Ziel dieser Wirksamkeit ist eine Ausrüstung: Wer sich von der Schrift lehren, überführen, korrigieren und erziehen lässt, wird für jedes gute Werk zugerüstet. Weil die Schrift von Gott kommt, trägt sie etwas aus im Denken und Handeln des Glaubenden. Damit bezeugt die Stelle die Autorität und die Fruchtbarkeit der Schrift für das Leben des Glaubens: Herkunft und Auftrag stehen hier beieinander, denn Gott ist der Ursprung des Wortes, das den Glaubenden auf jedes gute Werk hin ausrichtet. Von hier aus führt der Weg zu der Frage, wie Schrift und Überlieferung aus derselben göttlichen Quelle entspringen und gemeinsam den einen Schatz des Wortes Gottes bilden, in dem die Schrift ihren Ort hat.
Schrift und Überlieferung Glaube und Überlieferung
Schrift und Überlieferung entspringen derselben göttlichen Quelle und bilden den einen Schatz des Wortes Gottes
Die Kirche liest die Stelle innerhalb der gesamten Weitergabe des Wortes Gottes.
Das Dokument Dei Verbum über die göttliche Offenbarung lehrt in den Nummern 9 und 10, dass Schrift und Überlieferung aus derselben göttlichen Quelle entspringen und gemeinsam den einen Schatz des Wortes Gottes bilden. Deshalb schöpft die Kirche ihre Gewissheit über alles Geoffenbarte „nicht aus der Heiligen Schrift allein“; beide sind „mit gleicher Liebe und Achtung“ anzunehmen und zu verehren (DV 9). Die verbindliche Erklärung des geschriebenen und des überlieferten Wortes Gottes ist dem lebendigen Lehramt anvertraut. Das Lehramt ist das Amt, das in der Kirche das Wort Gottes verbindlich auslegt; es dient dem Wort Gottes.
Für die Stelle aus dem zweiten Timotheusbrief folgt daraus: Ihre Autorität bleibt ungeschmälert, und schon welche Bücher zur Schrift gehören, erkennt die Kirche durch die apostolische Überlieferung: „Durch dieselbe Überlieferung wird der Kirche der vollständige Kanon der Heiligen Bücher bekannt“ (DV 8; vgl. KKK 120). Schon der zweite Petrusbrief stellt die Briefe des Paulus neben „die übrigen Schriften“ (2 Petr 3,16). Der Katechismus der Katholischen Kirche entfaltet diesen Zusammenhang von der Weitergabe der Offenbarung bis zur Lehre über die Schrift in den Nummern 74 bis 141. Offen ist noch, ob die umfassende Nützlichkeit der Schrift sie zur alleinigen Regel des Glaubens macht.
Quellen zu dieser Frage 2
Alleinige Glaubensregel Glaube und Überlieferung
Macht die umfassende Nützlichkeit der Schrift sie zur alleinigen Glaubensregel?
Der Einwand fragt, ob die Schrift mit ihrer Nützlichkeit jede weitere verbindliche Quelle überflüssig macht.
Wenn die Schrift zum Lehren, Zurechtweisen, Bessern und zur Erziehung in der Gerechtigkeit ausreicht, scheint jede zusätzliche verbindliche Quelle überflüssig zu werden. Der folgende Vers nennt sogar das Ziel: Der Mensch Gottes soll „ausgerüstet zu jedem guten Werk“ sein (2 Tim 3,17); darauf stützt sich die reformatorische Lehre, dass alles zum Heil, zum Glauben und zum Leben Nötige in der Schrift enthalten ist (Westminster-Bekenntnis I,6). Daraus erwächst die Frage, ob die Schrift allein die Regel des Glaubens ist.
Die Schrift ist nach 2 Tim 3,16–17 umfassend nützlich und göttlich autoritativ: Sie lehrt, korrigiert, überführt und erzieht den Menschen zu jedem guten Werk. Derselbe Brief stellt diese Schrift aber in die persönliche apostolische Weitergabe: Timotheus soll bei dem bleiben, was er gelernt hat, denn er weiß, „von wem“ er es gelernt hat (2 Tim 3,14); er soll festhalten, was er von Paulus gehört hat, und das ihm anvertraute kostbare Gut bewahren (2 Tim 1,13–14). Mit den heiligen Schriften, die er „von Kindheit an“ kennt, sind dem Zusammenhang nach die Schriften Israels gemeint (2 Tim 3,15); der Vers spricht also von den Schriften, die Timotheus damals kannte, und setzt die mündliche apostolische Lehre voraus, die derselbe Brief zu bewahren gebietet. Die Regel des Glaubens umfasst darum nach der Lehre der Kirche Schrift und Überlieferung: Dei Verbum 9 und 10 fasst beide als eng verbundene Gaben derselben göttlichen Quelle und weist die verbindliche Auslegung des Wortes Gottes dem Lehramt der Kirche zu. So bleibt die Schrift voll maßgeblich, während ihre Stellung innerhalb des einen Schatzes des Wortes Gottes bestimmt wird.