Glaube und Lehre
Mündliche und schriftliche Überlieferung
Der Glaube, den die Apostel verkündet haben, erreicht die Gemeinden auf zwei Weisen: im gesprochenen Wort und im geschriebenen Brief. Zwei Stellen aus dem zweiten Thessalonicherbrief und dem zweiten Timotheusbrief zeigen diese Weitergabe und den Weg, den sie durch Menschen nimmt. Aus ihnen entfaltet die Kirche ihre Lehre von Schrift und Überlieferung und die Antwort auf die Frage, wie der Glaube vor späteren Zusätzen bewahrt bleibt.
3 Fragen · Alle Bibelstellen im Wortlaut · Quellen zum Prüfen

Die Schrift erschließt sich in dem Heiligen Geist, in dem sie geschrieben wurde. Ein kurzes Gebet stimmt auf das Lesen ein.
Vor dem LesenBetend lesen
Im Geist hören
Die Heilige Schrift ist Gottes Wort in menschlichen Worten. Wer sie liest, darf um den Geist bitten, der die biblischen Verfasser inspiriert hat und die Kirche in alle Wahrheit führt.
Komm, Heiliger Geist.
Öffne unseren Verstand für Gottes Wort und unser Herz für Christus. Lehre uns, die Heilige Schrift im Glauben der Kirche zu hören, und führe uns dazu, das Erkannte zu leben. Amen.
Im Gebet wird die Schriftlesung zum Gespräch mit Gott.
Bibelzitat, redaktionelle Erläuterung und Gebet bleiben klar unterschieden. Als Heilige Schrift gilt nur der gekennzeichnete Bibeltext; Erläuterungen und Gebete sind redaktionell verantwortet und anhand ihrer Quellen prüfbar.
Zum Weiterlesen:Dei Verbum 12 und 25Verbum Domini 15–16 und 86–87
Mündliche Lehre und Briefe Bibel und Textverständnis
Was mündlich gelehrt und brieflich geschrieben wurde
Zwei Stellen zeigen, wie der apostolische Glaube weitergegeben wird.
Seid also standhaft, Brüder und Schwestern, und haltet an den Überlieferungen fest, in denen wir euch unterwiesen haben, sei es mündlich, sei es durch einen Brief!
Auszug aus 2 Thess 2,15 · EÜ 2016 · © KBA 2016↗
Was der Text unmittelbar zeigt
Paulus fordert dazu auf, an den mündlich und brieflich überlieferten Traditionen festzuhalten.
Der zweite Thessalonicherbrief fordert die Gemeinde auf, an den Überlieferungen festzuhalten, die mündlich oder durch einen Brief gelehrt wurden (2 Thess 2,15). Damit stehen zwei Weisen der Weitergabe nebeneinander: das gesprochene Wort und die schriftliche Lehre. Die Gemeinde soll beide festhalten, weil sie durch beide denselben Glauben der Apostel empfangen hat.
Was du vor vielen Zeugen von mir gehört hast, das vertraue zuverlässigen Menschen an, die fähig sein werden, auch andere zu lehren!
Auszug aus 2 Tim 2,2 · EÜ 2016 · © KBA 2016↗
Was der Text unmittelbar zeigt
Paulus vertraut Timotheus seine Lehre an, damit zuverlässige Menschen sie weiteren vermitteln.
Im zweiten Timotheusbrief beschreibt Paulus, wie die Überlieferung weiterläuft (2 Tim 2,2). Was Timotheus empfangen hat, soll er zuverlässigen Männern anvertrauen, die es wiederum andere lehren können. Die Überlieferung reicht damit über den ersten Hörer hinaus: Sie geht durch Menschen weiter, die selbst lehren, und erreicht so weitere Hörer. Beide Stellen zusammen bezeugen einen apostolischen Glauben, der mündlich und schriftlich weitergegeben wird. Von diesem doppelten Zeugnis aus fragt die Lehre der Kirche nach dem einen Ursprung, aus dem beide Weisen fließen.
Ursprung und Weitergabe Glaube und Überlieferung
Ein Ursprung des Glaubensguts, zwei Weisen der Weitergabe
Die Kirche liest beide Stellen im Zusammenhang ihrer Lehre von der Überlieferung.
Dei Verbum, die Konstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils über die göttliche Offenbarung, und der Katechismus der Katholischen Kirche (kurz KKK) unterscheiden den einen Ursprung des Glaubensguts von den zwei Weisen seiner Weitergabe (KKK 76; 81). Überlieferung meint das Weiterreichen dessen, was die Apostel verkündet haben; das Glaubensgut ist der eine Inhalt des Glaubens, um den es in beiden Weisen geht. Schrift und Überlieferung fließen aus demselben Ursprung und bezeugen den einen Inhalt des Glaubens (DV 9).
Die Kirche prüft und formuliert diesen einen apostolischen Inhalt in ihren dogmatischen Klärungen, den verbindlichen Entscheidungen über strittige Glaubensfragen. Sie misst dabei ihre Lehre an dem, was die Apostel überliefert haben; dieser Ursprung bleibt der Maßstab, an dem sich spätere Überlieferungen ausrichten. Die Kirche versteht ihr Lehramt in diesem Dienst als die Aufgabe, den Glauben verbindlich zu lehren und auszulegen; es ist an Schrift und Überlieferung gebunden (DV 10). Die beiden angeführten Stellen zeigen die Weitergabe des Glaubens; die Kirche entfaltet diese Lehre mit weiteren Zeugen und klärenden Formulierungen. Aus dieser Ordnung erwächst die Frage, woran die Kirche die mündliche Überlieferung prüft und wie sie sie von späteren Zusätzen unterscheidet.
Quellen zu dieser Frage 2
Mündliche Überlieferung und Zusätze Glaube und Überlieferung
Kann mündliche Überlieferung zur menschlichen Ergänzung werden?
Ein Einwand fragt, wie mündliche Weitergabe vor späteren Zusätzen geschützt bleibt.
Der Einwand richtet den Blick auf die Prüfbarkeit mündlicher Überlieferung: Sie kann ergänzt, umgedeutet und an neue Gewohnheiten angepasst werden, bis niemand mehr sagen kann, was von den Aposteln stammt und was später hinzugekommen ist. Steht neben der Schrift eine zweite Größe, die sich auf diese Weise verändern lässt, dann bleibt als unfehlbare Norm allein die Schrift.
Die Antwort liegt in der Ordnung, die die beiden Stellen zeigen: Die Kirche schöpft „ihre Gewißheit über alles Geoffenbarte nicht aus der Heiligen Schrift allein“, weil Schrift und Überlieferung „demselben göttlichen Quell“ entspringen (DV 9), und ihr Lehramt dient der Überlieferung, die aus diesem Ursprung kommt (DV 10). Auch die Schrift selbst erreicht die Kirche innerhalb dieser Überlieferung: Die Kirche erkennt durch dieselbe apostolische Überlieferung, welche Bücher zur Heiligen Schrift gehören (KKK 120).
Damit bleibt die Unterscheidung möglich, die der Einwand voraussetzt: Von der apostolischen Überlieferung sind spätere Überlieferungen zu unterscheiden (DV 8; KKK 83). Erkennbar ist dieser Ursprung, weil die apostolische Überlieferung öffentlich ist. Schon Irenäus von Lyon hielt im 2. Jahrhundert den Gnostikern, die sich auf geheime Überlieferungen beriefen, die Überlieferung der Apostel entgegen, die in allen Kirchen offen vor Augen liegt und über die von den Aposteln eingesetzten Bischöfe nachgeprüft werden kann (Adversus haereses III,3,1); die Kirche bewahre diesen Glauben, „als ob sie in einem einzigen Hause wohnte“ (KKK 173). Gerade weil die Überlieferung durch Menschen weitergeht, bleibt der apostolische Ursprung die Norm, der sie verpflichtet ist.