Apostolische Praxis
Warum die Kirche in der Salbung ein Sakrament erkennt
Zwei Stellen der Schrift gehören zusammen: Jakobus beschreibt, wie eine Gemeinde mit einem Kranken umgeht; Markus erzählt, was die von Jesus gesandten Zwölf an den Kranken getan haben. Drei Kapitel führen von diesen Texten zum Urteil der Kirche.
4 Fragen · Alle Bibelstellen im Wortlaut · Quellen zum Prüfen

Die Schrift erschließt sich in dem Heiligen Geist, in dem sie geschrieben wurde. Ein kurzes Gebet stimmt auf das Lesen ein.
Vor dem LesenBetend lesen
Im Geist hören
Die Heilige Schrift ist Gottes Wort in menschlichen Worten. Wer sie liest, darf um den Geist bitten, der die biblischen Verfasser inspiriert hat und die Kirche in alle Wahrheit führt.
Komm, Heiliger Geist.
Öffne unseren Verstand für Gottes Wort und unser Herz für Christus. Lehre uns, die Heilige Schrift im Glauben der Kirche zu hören, und führe uns dazu, das Erkannte zu leben. Amen.
Im Gebet wird die Schriftlesung zum Gespräch mit Gott.
Bibelzitat, redaktionelle Erläuterung und Gebet bleiben klar unterschieden. Als Heilige Schrift gilt nur der gekennzeichnete Bibeltext; Erläuterungen und Gebete sind redaktionell verantwortet und anhand ihrer Quellen prüfbar.
Zum Weiterlesen:Dei Verbum 12 und 25Verbum Domini 15–16 und 86–87
Der Kranke und die Ältesten Bibel und Textverständnis
Warum ruft der Kranke die Ältesten der Kirche?
Jakobus beschreibt einen Auftrag an die Gemeinde: Der Kranke holt die Ältesten, und diese handeln an ihm mit Gebet, Öl und dem Namen des Herrn.
Auszug aus Jak 5,14–15 · EÜ 2016 · © KBA 2016↗Vers 14: Ist einer unter euch krank, dann rufe er die Ältesten der Gemeinde zu sich; sie sollen Gebete über ihn sprechen und ihn im Namen des Herrn mit Öl salben.
Vers 15: Das gläubige Gebet wird den Kranken retten und der Herr wird ihn aufrichten; und wenn er Sünden begangen hat, werden sie ihm vergeben.
Was der Text unmittelbar zeigt
Jakobus führt die Ältesten der Kirche, das Gebet, die Salbung, den Namen des Herrn und die zugesagte Rettung, Aufrichtung und Vergebung in einer Handlung zusammen.
Jakobus lässt den Kranken die Ältesten der Kirche rufen; aus einer persönlichen Not wird eine Sache der Gemeinde. Die Ältesten beten über ihm und salben ihn mit Öl im Namen des Herrn. Gebet, sichtbares Zeichen und Anrufung des Herrn bilden hier eine einzige Handlung. Die Ältesten der Gemeinde sind im Neuen Testament die Vorsteher, die die Apostel in den Gemeinden einsetzen (Apg 14,23; Tit 1,5).
Jakobus sagt auch, was geschehen soll: Das Gebet des Glaubens rettet den Kranken, der Herr richtet ihn auf, und wenn er Sünden begangen hat, werden sie ihm vergeben. Rettung, Aufrichtung und Vergebung kommen vom Herrn. Damit ist die Salbung in der Gemeinde als Handlung mit einer Zusage des Herrn beschrieben. Ihre Herkunft reicht weiter zurück in die Sendung, die die Jünger von Jesus empfangen haben, von der Markus erzählt.
Die Gesandten Bibel und Textverständnis
Was trägt Markus zur Salbung der Kranken bei?
Markus erzählt von der Sendung der Zwölf: Sie rufen zur Umkehr, salben viele Kranke mit Öl und heilen sie.
Sie trieben viele Dämonen aus und salbten viele Kranke mit Öl und heilten sie.
Auszug aus Mk 6,7–13 · EÜ 2016 · © KBA 2016↗
Was die Stelle zum Argument beiträgt
Markus zeigt die Salbung der Kranken im Dienst der Zwölf, die Jesus mit Vollmacht aussendet und an seinem Heilen teilhaben lässt.
Jesus sendet die Zwölf aus und gibt ihnen Vollmacht über die unreinen Geister. Sie ziehen aus, verkünden die Umkehr, treiben viele Dämonen aus, salben viele Kranke mit Öl und heilen sie. So lässt Jesus sie an seinem eigenen Dienst des Heilens teilhaben; hier begegnet die Salbung der Kranken mit Öl zum ersten Mal.
Jakobus beschreibt, wie diese Handlung in der Gemeinde geordnet ist und welche Zusagen sie trägt. Der eine Text zeigt die Salbung im Dienst der von Jesus Gesandten, der andere ihre bleibende Gestalt in der Gemeinde. Auf beide Zeugnisse stützt die Kirche ihr Urteil, dass sie in der Salbung der Kranken eines der sieben Sakramente empfängt.
Die Kirche Glaube und Überlieferung
Warum erkennt die Kirche hier ein Sakrament?
Die Kirche liest Jakobus und Markus zusammen und erkennt in der Salbung der Kranken eines der sieben Sakramente.
Die Kirche erkennt in der Handlung, die Jakobus beschreibt, eines der sieben Sakramente (KKK 1510–1511). Der Katechismus stützt dieses Urteil auf die Formel des Konzils von Trient: Christus hat die Krankensalbung eingesetzt, Markus deutet sie an, und Jakobus empfiehlt und verkündet sie den Gläubigen. Dieses Urteil ruht auf dem, was die Texte zeigen: Schon die von Jesus ausgesandten Zwölf salben Kranke mit Öl, und in der Gemeinde ist die Salbung ein geordnetes Handeln der Ältesten im Namen des Herrn.
Die Formel unterscheidet zwei Rollen: Christus hat die Krankensalbung eingesetzt, Jakobus hat sie den Gläubigen empfohlen und verkündet. Die Kirche behauptet also nicht, ein Apostel habe ein Sakrament gestiftet; Jakobus bezeugt der Gemeinde, was ihr der Herr gegeben hat. Mit dieser Unterscheidung antwortet das Konzil von Trient auf die Einwände der Reformatoren, die Krankensalbung sei kein Sakrament, sondern eine „menschliche Erfindung“, wie der Kommentar zur Note der Glaubenskongregation von 2005 sie zusammenfasst. Gegen die Auffassung, sie sei ein von den Vätern übernommener Ritus ohne Gebot Gottes und ohne Verheißung der Gnade, beruft sich das Konzil auf das klare Wort des Apostels, das Gebet, Salbung und Zusage im Namen des Herrn verbindet, und verwirft sie im ersten Kanon über dieses Sakrament (Krankensalbung, Kap. III und Kanon I).
Ein Leser kann die Stelle bei Jakobus auch als Gebet um Heilung verstehen, verbunden mit der Pflege des Kranken; Öl diente in der Antike auch der Behandlung des Leibes. Am Text hat dieser Einwand seine Anhaltspunkte: Ein Kranker ruft, er wird mit Öl versorgt, und der Herr richtet ihn auf. Jakobus ordnet die Handlung jedoch der Kirche zu. Er nennt die Ältesten, die der Kranke ruft; sie handeln im Namen des Herrn, und der Text verbindet ihr Gebet und ihre Salbung mit der Vergebung der Sünden. Darin liegt der kirchliche und heilsame Charakter der Handlung, und in dieser apostolischen Praxis empfängt die Kirche das Sakrament der Krankensalbung.
Charisma und Sakrament Glaube und Überlieferung
War die Salbung nicht eine Heilungsgabe der Urkirche, die erloschen ist?
Der Einwand sieht in Jakobus 5 die außerordentliche Gabe der Heilungen, die der Anfangszeit geschenkt war; der Wortlaut der Stelle verweist jeden Kranken an die Ältesten der Gemeinde und verbindet die Salbung mit der Vergebung der Sünden.
Markus berichtet, dass die Zwölf bei ihrer Sendung viele Kranke mit Öl salbten und heilten (Mk 6,13), Jakobus verbindet die Salbung der Ältesten mit der Heilung des Kranken (Jak 5,14–15), und Paulus nennt die Gabe, Krankheiten zu heilen, unter den Charismen der Gemeinde (1 Kor 12,9.28). Daraus folgert der Einwand, die Salbung von Jak 5 habe zur außerordentlichen Heilungsgabe der Anfangszeit gehört; mit dieser Gabe sei sie erloschen, und ein späterer Ritus habe keine Verheißung mehr. Diese Auffassung war schon dem Konzil von Trient bekannt, das sich ausdrücklich mit ihr auseinandersetzt.
Jakobus richtet seine Anweisung an jeden Kranken der Gemeinde und verweist ihn nicht an einen, der die Gabe der Heilung besitzt, sondern an die Ältesten der Gemeinde, die in ihrem Amt handeln (Jak 5,14). Paulus dagegen fragt: „Besitzen alle die Gabe, Krankheiten zu heilen?“ (1 Kor 12,30); diese Gabe ist frei verteilt und nur einzelnen geschenkt. Wäre die Salbung an dieses Charisma gebunden, hätte Jakobus die Kranken an seine Träger verwiesen; er verweist sie an alle, die das Amt der Ältesten tragen. Zudem verbindet er mit der Salbung eine Zusage, die über die leibliche Genesung hinausreicht: Wenn der Kranke Sünden begangen hat, werden sie ihm vergeben (Jak 5,15). Die Vergebung der Sünden gehört nicht zu den außerordentlichen Zeichen der Anfangszeit; sie bleibt der Gemeinde zugesagt.
Die Kirche unterscheidet darum das Heilungscharisma einzelner vom Sakrament: „Der Heilige Geist schenkt einzelnen Menschen ein besonderes Heilungscharisma, um zu zeigen, wie wirkkräftig die Gnade des Auferstandenen ist“ (KKK 1508). In der Krankensalbung schenkt der Herr dem Kranken die Gnade des Heiligen Geistes, die Vergebung der Sünden und die Stärkung in der Krankheit, und die Heilung des Leibes, wenn das im Willen Gottes liegt (KKK 1520; Trient, Krankensalbung, Kap. II). Das Konzil von Trient hat verworfen, die heilige Salbung habe schon aufgehört, als sei sie einst nur die Gnade gewesen, Heilungen zu wirken (Krankensalbung, Kap. III und Kanon II). Von hier führen die Zeugnisse weiter in die Gemeinden der folgenden Jahrhunderte, in denen Salbung, Gebet und Vergebung zusammenstehen.
Quellen zu dieser Frage 2
Weiterführende Erklärungen
Salbung, Gebet und Vergebung in der frühen KircheUnterstützender positiver Beleg