Mariä Empfängnis
Maria, durch Christus vorbeugend erlöst
Die Kirche bekennt, dass Maria vom ersten Augenblick ihrer Empfängnis an durch eine einzigartige Gnade Christi von der Erbsünde bewahrt wurde. Christus erlöst sie, indem seine Gnade ihr zuvorkommt. Der Weg zu diesem Bekenntnis führt über drei Schriftstellen, über die Art, wie die Kirche sie im Zusammenhang der Heilsgeschichte liest, und über die Frage, wie die genaue Formulierung der Lehre aus dem biblischen Zeugnis erwächst.
4 Fragen · Alle Bibelstellen im Wortlaut · Quellen zum Prüfen

Die Schrift erschließt sich in dem Heiligen Geist, in dem sie geschrieben wurde. Ein kurzes Gebet stimmt auf das Lesen ein.
Vor dem LesenBetend lesen
Im Geist hören
Die Heilige Schrift ist Gottes Wort in menschlichen Worten. Wer sie liest, darf um den Geist bitten, der die biblischen Verfasser inspiriert hat und die Kirche in alle Wahrheit führt.
Komm, Heiliger Geist.
Öffne unseren Verstand für Gottes Wort und unser Herz für Christus. Lehre uns, die Heilige Schrift im Glauben der Kirche zu hören, und führe uns dazu, das Erkannte zu leben. Amen.
Im Gebet wird die Schriftlesung zum Gespräch mit Gott.
Bibelzitat, redaktionelle Erläuterung und Gebet bleiben klar unterschieden. Als Heilige Schrift gilt nur der gekennzeichnete Bibeltext; Erläuterungen und Gebete sind redaktionell verantwortet und anhand ihrer Quellen prüfbar.
Zum Weiterlesen:Dei Verbum 12 und 25Verbum Domini 15–16 und 86–87
Feindschaft und Anrede Bibel und Textverständnis
Die Schriftstellen
Genesis 3,15 setzt Feindschaft zwischen die Schlange und die Frau sowie zwischen ihre Nachkommen; Lukas 1,28 und Lukas 1,48 zeigen Maria im Umfeld der Menschwerdung des Gottessohnes.
Und Feindschaft setze ich zwischen dir und der Frau, zwischen deinem Nachkommen und ihrem Nachkommen. Er trifft dich am Kopf und du triffst ihn an der Ferse.
Auszug aus Gen 3,15 · EÜ 2016 · © KBA 2016↗
Was die Stelle zum Argument beiträgt
Die Frau und ihre Nachkommenschaft stehen in bleibender Feindschaft zur Schlange.
Der Engel trat bei ihr ein und sagte: Sei gegrüßt, du Begnadete, der Herr ist mit dir.
Auszug aus Lk 1,28 · EÜ 2016 · © KBA 2016↗
Was die Stelle zum Argument beiträgt
Der Engel nennt Maria die Begnadete und gebraucht das Wort an der Stelle ihres Namens; die Form sagt, dass die Gnade an ihr schon gewirkt hat und fortwirkt.
Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut. Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter.
Auszug aus Lk 1,48 · EÜ 2016 · © KBA 2016↗
Was die Stelle zum Argument beiträgt
Maria verkündet, dass alle Geschlechter sie seligpreisen werden.
Genesis 3,15 setzt Feindschaft zwischen die Schlange und die Frau sowie zwischen die Nachkommen der Schlange und die der Frau. Lukas 1,28 lässt den Engel Maria bei der Verkündigung der Geburt des Gottessohnes als die von Gott Begnadete ansprechen; das Wort steht an der Stelle ihres Namens, und seine Form sagt, dass die Gnade an ihr schon gewirkt hat, als der Engel ihr die Berufung ankündigt. Lukas 1,48 führt Maria selbst sprechend ein: Sie nennt sich die Magd, deren Niedrigkeit Gott angesehen hat. In diesen Stellen liest die Kirche Maria in einer heilsgeschichtlichen Verbindung mit Christus.
Neue Eva und Begnadete Glaube und Überlieferung
Die Lehre
Die Kirche liest Genesis 3,15 im Horizont Christi und Marias als der neuen Eva und hört in Lukas 1,28 die Anrede an die von Gott Begnadete.
Der Gruß des Engels ist in der Kirche nicht als ein Wort des Augenblicks gehört worden, das mit der Verkündigung verging. Der Katechismus sagt von Maria: „Um zur Ankündigung ihrer Berufung ihre freie Glaubenszustimmung geben zu können, mußte sie ganz von der Gnade Gottes getragen sein“ (KKK 490). Die Väter haben diese Heiligkeit früh ausgesprochen. Das Zweite Vatikanische Konzil erinnert daran, „daß es bei den heiligen Vätern gebräuchlich wurde, die Gottesmutter ganz heilig und von jeder Sündenmakel frei zu nennen“, und verbindet damit den Gruß des Engels: „Vom ersten Augenblick ihrer Empfängnis an im Glanz einer einzigartigen Heiligkeit, wird die Jungfrau von Nazareth vom Engel bei der Botschaft auf Gottes Geheiß als ‚voll der Gnade‘ gegrüßt“ (LG 56). Die ostkirchlichen Väter nennen Maria „die Ganzheilige“ [Panhagia] (KKK 493). Schon Justin und Irenäus von Lyon stellen Maria als neue Eva der ersten Frau gegenüber und lesen so Genesis 3,15 im Licht des ganzen Heilsgeschehens; aus dieser Gegenüberstellung und aus dem Gruß des Engels hat die Kirche im Lauf der Jahrhunderte Marias Bewahrung erkannt.
Der Katechismus der Katholischen Kirche legt diese christusbezogene Bewahrung in den Nummern 490–493 dar: Im Laufe der Jahrhunderte wurde sich die Kirche bewusst, dass Maria, die der Engel „voll der Gnade“ nennt, schon bei ihrer Empfängnis erlöst worden ist; 1854 wurde diese Lehre als von Gott geoffenbart feierlich definiert. Die Bulle Ineffabilis Deus, das päpstliche Lehrschreiben dieser Definition, spricht aus, dass Maria vom ersten Augenblick ihrer Empfängnis an durch eine einzigartige Gnade und ein besonderes Vorrecht des allmächtigen Gottes im Hinblick auf die Verdienste Jesu Christi von jedem Makel der Erbsünde bewahrt wurde. Diese technische Formulierung ist die spätere dogmatische Klärung, also die verbindliche Feststellung als Glaubenssatz, des in Schrift und apostolischer Überlieferung bewahrten Glaubens. Christus erlöst Maria, indem seine Gnade sie vor der Erbsünde bewahrt.
Alle haben gesündigt Glaube und Überlieferung
Haben nicht alle gesündigt?
Paulus schreibt, dass alle gesündigt haben, und Maria nennt Gott ihren Retter. Beide Sätze gelten auch für Maria. Die Antwort der Kirche liegt darin, wie die Rettung an ihr gewirkt wurde: Christus hat sie im Voraus vor der Erbsünde bewahrt.
Zwei Sätze der Schrift werden gegen die Lehre von der unbefleckten Empfängnis angeführt. Röm 3,23 nennt keine Gruppe, sondern alle: „Alle haben ja gesündigt und die Herrlichkeit Gottes verloren.“ Der Satz beschreibt die Menschheit vor Gott ohne Ausnahme. Lk 1,47 ist überdies kein Wort über Maria, sondern ihr eigenes Wort: „und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter.“ Wer Gott seinen Retter nennt, spricht von sich als einem Menschen, der das Heil empfängt. Daraus folgert der Einwand: Wenn alle gesündigt haben und Maria einen Retter braucht, dann war auch sie nicht von der Erbsünde frei.
Die Kirche antwortet, dass an Maria das Heil auf vollkommenere Weise gewirkt wurde. Das Zweite Vatikanische Konzil sagt von ihr, sie sei „im Hinblick auf die Verdienste ihres Sohnes auf erhabenere Weise erlöst“ (LG 53). Von ihrer Heiligkeit vom ersten Augenblick ihrer Empfängnis an sagt der Katechismus, sie „kommt ihr nur Christi wegen zu“ (KKK 492). Maria ist also nicht aus der Erlösung herausgenommen; sie ist früher und tiefer in sie hineingenommen als jeder andere Mensch.
Von hier aus bekommt Lk 1,47 seinen Ort. Maria nennt Gott ihren Retter, weil sie ihr Heil nicht aus sich selbst hat. Christus hat sie im Voraus vor der Erbsünde bewahrt, und sie lebt ganz aus der Gnade, die er ihr schenkt. Ihr Bekenntnis zu ihrem Retter ist darum das Zeugnis einer Empfangenden. Auch die Definition von 1854 gründet die Bewahrung nicht in Maria selbst, sondern in der Gnade Gottes „im Hinblick auf die Verdienste Christi Jesu, des Erlösers des Menschengeschlechtes“ (KKK 491; Ineffabilis Deus).
Auch Röm 3,23 bleibt für Maria in Kraft. Das Konzil sagt: „Zugleich aber findet sie sich mit allen erlösungsbedürftigen Menschen in der Nachkommenschaft Adams verbunden“ (LG 53). Der Satz des Paulus gilt von ihr in dem Sinn, dass sie ganz aus der Gnade Christi lebt: Sie hat nichts, was sie nicht empfangen hätte. Der allgemeine Sündenbefund beschreibt die Lage der Menschheit, die der Erlösung bedarf, und Maria gehört zu dieser Menschheit. An ihr ist die Erlösung vorweg geschehen.
Wer die Lehre so versteht, als habe Maria keinen Erlöser gebraucht, verfehlt ihren Kern. Maria brauchte ihren Retter, und sie hatte ihn, bevor die Erbsünde sie erreichen konnte. Ihre Bewahrung ist empfangene Gnade und kein Besitz, auf den sie sich stützen könnte. Von der Erbsünde bewahrt zu sein heißt: früher beschenkt, nicht weniger erlöst. Ihr Lobgesang ist das Wort eines Menschen, der seine Rettung empfangen hat.
Der Wortlaut von 1854 Glaube und Überlieferung
Sprechen Genesis 3,15 und Lukas 1,28 von Marias Empfängnis?
Der Einwand setzt an der Frage an, wie die genaue Formulierung von 1854 mit dem Wortlaut von Genesis 3,15 und Lukas 1,28 zusammenhängt.
Genesis 3,15 spricht von der Feindschaft zwischen der Schlange, der Frau und ihrer Nachkommenschaft, Lukas 1,28 beschreibt Maria bei der Verkündigung als die von Gott Begnadete. Die Bulle Ineffabilis Deus gebraucht für dieses Geschehen die Fachsprache des Lehramts: eine einzigartige Gnade, ein besonderes Vorrecht, die Verdienste Jesu Christi. Der Einwand hält dagegen, die Formulierung von 1854 lasse sich aus Genesis 3,15 und Lukas 1,28 nicht gewinnen. Die Kirche legt beide Stellen im Licht der ganzen Heilsgeschichte und der apostolischen Überlieferung aus und gewinnt daraus die Wahrheit, die sie 1854 verbindlich ausgesprochen hat.
Die apostolische Überlieferung bewahrt diese Zusammenhänge, wie sie bei Justin und Irenäus anklingen. Im Lauf der Jahrhunderte wuchs in Liturgie und Theologie die Einsicht, dass Maria von Anfang an ganz von Gottes Gnade erfüllt war. Nach Beratung mit Theologen und Befragung der Bischöfe der ganzen Welt definierte Pius IX. 1854 diese Lehre als von Gott geoffenbart. So ruht die Lehre auf dem biblischen Zeugnis in seiner kirchlich überlieferten Zusammenschau und auf der Vollmacht der Kirche, den apostolischen Glauben verbindlich auszulegen. Die Definition spricht in der Fachsprache ihrer Zeit aus, was die Schrift im Zusammenhang der Heilsgeschichte bezeugt und die Überlieferung bewahrt. Damit steht die Bewahrung Marias vor Augen als eine Gnade, die ganz von Christus kommt: er erlöst sie, indem seine Gnade sie vor der Erbsünde bewahrt. Diese Gnade meint den ganzen Menschen und trägt ihn bis ans Ziel; so bleibt die Frage offen, wohin sie ihn führt, und die Antwort der Kirche geht weiter zur Vollendung: Maria ist mit Leib und Seele in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen.