Priestertum und Amt
Ein priesterliches Volk und ein besonderer Dienst
Exodus 19 nennt Israel ein priesterliches Volk, und der Erste Petrusbrief nimmt diese Sprache für die christliche Gemeinschaft auf. Aus diesen Stellen versteht die Kirche die priesterliche Berufung aller Getauften; zugleich hält sie am besonderen, geordneten Dienst derer fest, die für den Aufbau der Kirche eingesetzt sind. Ist das Amt dann nur ein Auftrag der Gemeinde? Die Klage Korachs, der Stab Aarons und die Handauflegung auf Timotheus geben darauf eine Antwort.
3 Fragen · Alle Bibelstellen im Wortlaut · Quellen zum Prüfen

Die Schrift erschließt sich in dem Heiligen Geist, in dem sie geschrieben wurde. Ein kurzes Gebet stimmt auf das Lesen ein.
Vor dem LesenBetend lesen
Im Geist hören
Die Heilige Schrift ist Gottes Wort in menschlichen Worten. Wer sie liest, darf um den Geist bitten, der die biblischen Verfasser inspiriert hat und die Kirche in alle Wahrheit führt.
Komm, Heiliger Geist.
Öffne unseren Verstand für Gottes Wort und unser Herz für Christus. Lehre uns, die Heilige Schrift im Glauben der Kirche zu hören, und führe uns dazu, das Erkannte zu leben. Amen.
Im Gebet wird die Schriftlesung zum Gespräch mit Gott.
Bibelzitat, redaktionelle Erläuterung und Gebet bleiben klar unterschieden. Als Heilige Schrift gilt nur der gekennzeichnete Bibeltext; Erläuterungen und Gebete sind redaktionell verantwortet und anhand ihrer Quellen prüfbar.
Zum Weiterlesen:Dei Verbum 12 und 25Verbum Domini 15–16 und 86–87
Das priesterliche Volk Bibel und Textverständnis
Das Volk als Ganzes ist priesterlich, und ein besonderer Dienst besteht daneben
Exodus 19 spricht Israel als priesterliches Volk an, der Erste Petrusbrief überträgt diese Sprache auf die christliche Gemeinschaft; Jesaja 66,21 kündigt für die Heilszeit einen eigens berufenen priesterlichen Dienst an.
Auszug aus Ex 19,5b–6a · EÜ 2016 · © KBA 2016↗Vers 5b: Mir gehört die ganze Erde,
Vers 6a: ihr aber sollt mir als ein Königreich von Priestern und als ein heiliges Volk gehören.
Was die Stelle zum Argument beiträgt
Israel soll ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein.
Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaft, ein heiliger Stamm, ein Volk, das sein besonderes Eigentum wurde.
Auszug aus 1 Petr 2,9 · EÜ 2016 · © KBA 2016↗
Was die Stelle zum Argument beiträgt
Die Getauften werden als königliche Priesterschaft und heiliges Volk bezeichnet.
In Exodus 19 wird Israel als priesterliches Volk bezeichnet. Diese Bezeichnung gilt dem Volk als Ganzem und jedem Einzelnen in ihm. Der Erste Petrusbrief nimmt diese Sprache auf und überträgt sie auf die christliche Gemeinschaft. Damit ist die priesterliche Berufung aller Getauften biblisch bezeugt.
Und auch aus ihnen nehme ich einige zu levitischen Priestern, spricht der HERR.
Auszug aus Jes 66,18–21 · EÜ 2016 · © KBA 2016↗
Was die Stelle zum Argument beiträgt
Gott sammelt Menschen aus den Völkern und nimmt auch aus ihnen priesterliche Dienste.
Jesaja 66,18–21 schaut auf die Heilszeit, in der Gott alle Nationen versammelt; „auch aus ihnen“ will er einige „zu levitischen Priestern“ nehmen. Ob „aus ihnen“ die Völker oder die heimgeführten Israeliten meint, wird in der Auslegung erörtert; in beiden Fällen steht neben dem priesterlichen Volk ein eigens bestellter Dienst, den Gott selbst beruft. Die Stellen stützen damit die Unterscheidung zwischen gemeinsamem Priestertum und besonderem Dienst. Dass dieser Dienst in ununterbrochener Folge weitergegeben wird, gründet in der Sendung, die Christus den Aposteln bis zum Ende der Welt anvertraut hat (Mt 28,20).
Berufung aller Getauften Glaube und Überlieferung
Die Kirche versteht daraus die priesterliche Berufung aller Getauften und hält am geordneten Dienst fest
Der Katechismus der Katholischen Kirche liest Exodus 19 und den Ersten Petrusbrief als eine doppelte Aussage: Gottes Volk wird als priesterliches Volk bezeichnet, und der besondere Dienst in Israel wird dadurch nicht aufgehoben.
Aus diesen Stellen versteht die Kirche die priesterliche Berufung aller Getauften. Zugleich hält sie am besonderen, geordneten Dienst derer fest, die für den Aufbau der Kirche eingesetzt werden. Beides gehört zusammen: das gemeinsame Priestertum der Getauften und der Dienst derer, die dafür bestellt sind.
Die Kirche versteht den besonderen Amtsdienst als eine eigene, geordnete Weise, am Priestertum Christi zu dienen. Die Weihe ist die Einsetzung in diesen Dienst; der geweihte Amtsträger tritt nicht an die Stelle der priesterlichen Berufung der Getauften. Er ist dafür eingesetzt, dass sie sich in der Kirche entfalten kann.
Quellen zu dieser Frage 2
Auftrag der Gemeinde? Glaube und Überlieferung
Wenn alle Getauften Priester sind, ist das Amt dann nur ein Auftrag der Gemeinde?
Wenn alle Getauften Priester sind, scheint das Amt nur ein Auftrag der Gemeinde zu sein. Die Kirche antwortet, dass Christus das Amt durch die Apostel und ihre Nachfolger überträgt und dass das gemeinsame Priestertum darin nichts einbüßt.
Luther entfaltet 1520 in der Schrift „An den christlichen Adel deutscher Nation“, dass alle Getauften geistlichen Standes sind; aus dieser Gleichheit folgt für ihn, dass das Amt von der Gemeinschaft übertragen wird. Das Augsburger Bekenntnis versteht das Amt dabei nicht als Erfindung der Gemeinde: Es lehrt, dass Gott das Predigtamt eingesetzt hat (CA V), und verlangt, dass niemand in der Kirche öffentlich lehrt oder predigt oder die Sakramente reicht „ohne ordnungsgemäße Berufung“ (CA XIV). Der Einwand lautet darum genauer: Gott stiftet das Amt, und es erreicht den Einzelnen durch den Ruf der Gemeinde.
Diese Frage kennt schon das Alte Testament. Korach und seine Gefährten treten gegen Mose und Aaron auf und sagen: „Alle sind heilig, die ganze Gemeinde, und der HERR ist in ihrer Mitte. Warum erhebt ihr euch über die Versammlung des HERRN?“ (Num 16,3). Was sie über die Heiligkeit der Gemeinde sagen, ist wahr; falsch ist ihr Schluss, der Dienst des Mose und des Aaron sei darum eine Anmaßung. Gott antwortet, indem er durch den Stab Aarons, der sprosst und blüht, selbst zeigt, wen er erwählt hat (Num 17,20.23). Die Heiligkeit aller und die Bestellung des Einen stehen nicht gegeneinander: Gott macht das ganze Volk zu seinem Eigentum und setzt in ihm einen Dienst ein, den er selbst verleiht. Der Judasbrief nennt diesen Vorgang als Warnung den „Aufruhr Korachs“ (Jud 11).
Der erste Clemensbrief, ein Schreiben der römischen Gemeinde nach Korinth, nimmt diese Erzählung im Streit um kirchliche Ämter auf: Er erzählt, wie Mose die Stäbe der zwölf Stämme im Zelt des Zeugnisses hinterlegte und der Stab Aarons Knospen und sogar Früchte trug, und stellt sie neben die Einsetzung der Bischöfe durch die Apostel (1 Clem 43–44). Hier legt ein Zeugnis der alten Kirche die Schrift auf das kirchliche Amt hin aus.
Im Neuen Testament zeigt sich dasselbe. Paulus erinnert die Ältesten von Ephesus daran, dass der Heilige Geist sie zu Vorstehern bestellt hat (Apg 20,28), und Timotheus empfängt die Gnade Gottes „durch die Auflegung meiner Hände“ (2 Tim 1,6). Der Geist bestellt, und die Übergabe geschieht durch Menschen, die selbst im Dienst stehen.
Was daraus für das Verhältnis der beiden Weisen des Priestertums folgt, hat das Zweite Vatikanische Konzil ausgesprochen: Das gemeinsame Priestertum der Gläubigen und das hierarchische Priestertum „unterscheiden sich zwar dem Wesen und nicht bloß dem Grade nach“ und sind doch einander zugeordnet (LG 10; KKK 1547). Der vom Herrn Gesandte handelt „nicht in eigener Autorität, sondern kraft der Autorität Christi; er spricht zu der Gemeinde nicht als eines ihrer Glieder, sondern im Namen Christi“ (KKK 875). Darum sind die Priester, auch wenn sie im Namen der ganzen Kirche beten und das Opfer darbringen, nicht „die Delegierten der Gemeinschaft“ (KKK 1553). Das gemeinsame Priestertum bleibt volle Wirklichkeit, und das Amt steht in seinem Dienst (KKK 1547).
Auch die lutherische Apologie der Confessio Augustana ist bereit, die Ordination und die Handauflegung ein Sakrament zu nennen, wenn sie auf das Amt des Wortes bezogen wird, denn die Kirche hat den Auftrag, Diener zu bestellen (Apologie XIII,11–12). Die Differenz liegt darum nicht darin, ob Gott das Amt will, sondern darin, wie es weitergegeben wird und was es vollzieht: Die Kirche lehrt, dass Christus es durch die Apostel und ihre Nachfolger in der Weihe überträgt; die Gemeinde empfängt es und lebt davon.