Schrift und Überlieferung
Die Schrift kann verdreht werden
Der zweite Petrusbrief rechnet damit, dass apostolische Aussagen schwer zu verstehen sind und verdreht werden können. Diese Beobachtung steht am Anfang der Frage, wie die Kirche mit der Heiligen Schrift umgeht.
3 Fragen · Alle Bibelstellen im Wortlaut · Quellen zum Prüfen

Die Schrift erschließt sich in dem Heiligen Geist, in dem sie geschrieben wurde. Ein kurzes Gebet stimmt auf das Lesen ein.
Vor dem LesenBetend lesen
Im Geist hören
Die Heilige Schrift ist Gottes Wort in menschlichen Worten. Wer sie liest, darf um den Geist bitten, der die biblischen Verfasser inspiriert hat und die Kirche in alle Wahrheit führt.
Komm, Heiliger Geist.
Öffne unseren Verstand für Gottes Wort und unser Herz für Christus. Lehre uns, die Heilige Schrift im Glauben der Kirche zu hören, und führe uns dazu, das Erkannte zu leben. Amen.
Im Gebet wird die Schriftlesung zum Gespräch mit Gott.
Bibelzitat, redaktionelle Erläuterung und Gebet bleiben klar unterschieden. Als Heilige Schrift gilt nur der gekennzeichnete Bibeltext; Erläuterungen und Gebete sind redaktionell verantwortet und anhand ihrer Quellen prüfbar.
Zum Weiterlesen:Dei Verbum 12 und 25Verbum Domini 15–16 und 86–87
Verdrehte Aussagen der Schrift Bibel und Textverständnis
Petrus rechnet mit verdrehten Aussagen
Der zweite Petrusbrief benennt eine Schwierigkeit, die innerhalb der christlichen Lektüre selbst entsteht.
In ihnen ist einiges schwer zu verstehen und die Unwissenden, die noch nicht gefestigt sind, werden diese Stellen ebenso verdrehen wie die übrigen Schriften zu ihrem eigenen Verderben.
Auszug aus 2 Petr 3,16 · EÜ 2016 · © KBA 2016↗
Was die Stelle zum Argument beiträgt
Paulus wird als weise bezeichnet; zugleich verdrehen Unwissende, die noch nicht gefestigt sind, manche Stellen seiner Briefe ebenso wie die übrigen Schriften.
Petrus weist darauf hin, dass manche Stellen in den Briefen des Paulus schwer zu verstehen sind. Nicht jede Aussage des Apostels erschließt sich beim ersten Lesen. Petrus nennt die Folge: Unwissende und Ungefestigte verdrehen solche Stellen. Wer die Schrift aufschlägt, trifft also auf Texte, deren Sinn man verfehlen kann.
Damit ist für die Frage nach der Auslegung eine Voraussetzung benannt: Die apostolischen Schriften selbst rechnen damit, dass ihre Aussagen verdreht und falsch ausgelegt werden. Die Gefahr erwächst dabei innerhalb der christlichen Lektüre, und die Stelle nennt ihre Ursache: fehlende Unterweisung und mangelnde Festigung im Glauben. Richtiges Verstehen ist also an Unterweisung und Festigung im apostolischen Glauben gebunden.
Die Auslegung der Schrift Glaube und Überlieferung
Die Kirche wacht über die Auslegung der Schrift
Die Kirche empfängt die Heilige Schrift als Wort Gottes und bewahrt ihre Auslegung im apostolischen Glauben.
Die Kirche empfängt die Heilige Schrift als Wort Gottes und bewahrt sie. Zu dieser Sendung gehört der Dienst an ihrer Auslegung: Die Schrift soll im apostolischen Glauben gelesen werden, und die Kirche wacht darüber, dass ihre Deutung an die empfangene apostolische Überlieferung gebunden bleibt. Ihre Gewissheit über alles Geoffenbarte schöpft die Kirche nach Dei Verbum 9 „nicht aus der Heiligen Schrift allein“: Schrift und Überlieferung bilden zusammen den einen Schatz des Wortes Gottes. Das Lehramt ist keine weitere Quelle daneben; es schöpft aus diesem einen Schatz alles, was es als von Gott geoffenbart zu glauben vorlegt, und legt das Wort Gottes verbindlich aus (Dei Verbum 10).
KKK steht für den Katechismus der Katholischen Kirche, DV für die Konzilskonstitution Dei Verbum. In dieser Lehre liest die Kirche die Beobachtung des Petrus als Hinweis darauf, dass die Heilige Schrift ihre gültige Auslegung in der Gemeinschaft des apostolischen Glaubens findet. Petrus beschreibt eine Gefahr, die im Umgang mit der Schrift selbst entsteht, und die Antwort darauf ist die Bewahrung der Auslegung im apostolischen Glauben. Offen ist noch der stärkste Einwand: Legt sich eine Schrift, die das zum Heil Nötige klar sagt, nicht selbst aus?
Quellen zu dieser Frage 2
Die Klarheit der Schrift Glaube und Überlieferung
Legt sich die klare Schrift nicht selbst aus?
Der Einwand fragt, ob eine Schrift, die das zum Heil Nötige klar sagt, sich nicht selbst auslegt.
Die reformatorischen Bekenntnisse räumen ein, dass nicht alles in der Schrift gleich klar ist. Sie lehren aber: Was zum Heil zu wissen, zu glauben und zu tun nötig ist, steht an irgendeiner Stelle der Schrift so deutlich, dass auch ein Ungelehrter es bei rechtem Gebrauch der gewöhnlichen Mittel hinreichend verstehen kann; dunklere Stellen werden durch klarere ausgelegt (Westminster-Bekenntnis I,7 und I,9). Dann scheint eine verbindliche kirchliche Auslegung überflüssig: Die Schrift legt sich selbst aus.
Die Antwort liegt in der Beobachtung des Petrus: Schwierige Stellen werden von Unwissenden, die noch nicht gefestigt sind, „zu ihrem eigenen Verderben“ verdreht (2 Petr 3,16); das Missverstehen kann also das Heil gefährden. Sie verlangen deshalb eine Auslegung, die im apostolischen Glauben gegründet ist. Schon Vinzenz von Lérins räumte ein, dass die Schrift vollkommen ist und sich selbst überreichlich genügt; weil sie aber wegen ihrer Tiefe nicht von allen in demselben Sinn verstanden wird, verband er ihre Auslegung mit dem kirchlichen Verständnis dessen, was überall, immer und von allen geglaubt wurde (Commonitorium 2). Die Kirche dient der Schrift, indem sie ihre Deutung im apostolischen Glauben bewahrt und nicht dem privaten Urteil überlässt.