Gebet für die Verstorbenen
Gebet für Verstorbene in der frühen Kirche
Für die Verstorbenen zu beten gehört früh zum Leben der christlichen Gemeinden. Zeugen aus den ersten Jahrhunderten berichten davon und denken darüber nach, wie Gläubige nach dem Tod gereinigt werden. Die Kirche liest diese Stimmen als Zeugen einer überlieferten Praxis und einer sich klärenden theologischen Reflexion. Sie rückt sie neben die biblischen Grundlagen und neben die später verbindlich formulierte Lehre von der abschließenden Reinigung.
3 Fragen · Quellen zum Prüfen

Die Schrift erschließt sich in dem Heiligen Geist, in dem sie geschrieben wurde. Ein kurzes Gebet stimmt auf das Lesen ein.
Vor dem LesenBetend lesen
Im Geist hören
Die Heilige Schrift ist Gottes Wort in menschlichen Worten. Wer sie liest, darf um den Geist bitten, der die biblischen Verfasser inspiriert hat und die Kirche in alle Wahrheit führt.
Komm, Heiliger Geist.
Öffne unseren Verstand für Gottes Wort und unser Herz für Christus. Lehre uns, die Heilige Schrift im Glauben der Kirche zu hören, und führe uns dazu, das Erkannte zu leben. Amen.
Im Gebet wird die Schriftlesung zum Gespräch mit Gott.
Bibelzitat, redaktionelle Erläuterung und Gebet bleiben klar unterschieden. Als Heilige Schrift gilt nur der gekennzeichnete Bibeltext; Erläuterungen und Gebete sind redaktionell verantwortet und anhand ihrer Quellen prüfbar.
Zum Weiterlesen:Dei Verbum 12 und 25Verbum Domini 15–16 und 86–87
Die frühen Zeugen Glaube und Überlieferung
Wie früh beteten Christen für ihre Verstorbenen?
Tertullian, die Märtyrin Perpetua und Cyrill von Jerusalem bezeugen Gebet und Gedenken für die Verstorbenen.
Tertullian nennt in seiner Schrift De corona Opfergaben für die Verstorbenen, die jährlich dargebracht werden. Eine Opfergabe ist eine Gabe, die in der Versammlung der Gemeinde Gott dargebracht wird; sie gehört hier zum Gebet für die Toten. Mit diesem Zeugnis wird sichtbar, dass frühe Christen für ihre Verstorbenen beteten und Gaben für sie darbrachten.
Tertullian nennt in seiner Schrift über die einmalige Ehe auch den Inhalt dieses Gebets. Von der Witwe sagt er: „Denn fürwahr, sie betet ja auch für seine Seele, erfleht für ihn mittlerweile die Erquickung und die Teilnahme an der ersten Auferstehung und bringt an den Jahrestagen seines Hinscheidens ein Opfer dar“ (De monogamia 10). Die Bitte um Erquickung in der Zwischenzeit gilt dem Verstorbenen selbst und seinem Zustand bis zur Auferstehung, nicht nur dem Andenken der Hinterbliebenen.
Dieselbe Erwartung spricht aus dem Visionsbericht der Perpetua, die 203 als Märtyrin starb. Sie betet für ihren früh verstorbenen Bruder Dinokrates und sieht ihn „aus einem finsteren Orte, wo viele ganz erhitzt und durstig waren“, hervorkommen; nachdem sie Tag und Nacht für ihn gebetet hat, sieht sie ihn erholt und erkennt beim Erwachen, „daß er aus der Strafe entlassen war“ (Passio Perpetuae et Felicitatis 7–8). Der Bericht ist eine Vision, kein Lehrtext der Kirche; er zeigt, dass eine Christin um 200 für einen Verstorbenen betete und von ihrem Gebet Hilfe für ihn erwartete.
Cyrill von Jerusalem beschreibt in seinen mystagogischen Katechesen, den Unterweisungen, die in das Verständnis der kirchlichen Feier einführen, das Gebet für die Entschlafenen. Bei ihm erscheint das betende Gedenken der Toten als fester Teil des Gottesdienstes, den die Gemeinde mitfeiert. Diese Zeugen zusammen belegen, dass die Fürsprache für Verstorbene früh zum Leben der Kirche gehörte.
Cyrill von Jerusalem
Denn wir glauben, dass dies den Seelen, für die das Gebet dargebracht wird, großen Nutzen bringt, während das heilige und ehrfurchtgebietende Opfer vorliegt.
Katechetische Vorträge · Mystagogische Katechese 5,9–10 · Primärtext↗Cyrill bezeugt, dass das Gebet für Seelen, für die es dargebracht wird, während des heiligen und ehrfurchtgebietenden Opfers großen Nutzen bringt.
Einordnung der Quelle
Der Text zeigt: Für Seelen, für die das Gebet dargebracht wird, wird während des heiligen und ehrfurchtgebietenden Opfers großer Nutzen erwartet.
Die Grenze: Cyrill unterscheidet zwei Gruppen: die Heiligen, um deren Fürbitte die Gemeinde bittet, und die übrigen Verstorbenen, für die sie betet und denen das Gebet beim eucharistischen Opfer großen Nutzen bringt.
Quelle im Zusammenhang lesen
Worum es hier geht
Cyrill erklärt in der fünften Mystagogischen Katechese das Gedenken der Verstorbenen im eucharistischen Gebet. Er verbindet die Bitte für die Entschlafenen mit der Darbringung Christi und erläutert anschließend den erwarteten Nutzen dieser Fürbitte. Die Mystagogischen Katechesen stammen aus der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts; einige Handschriften schreiben sie Cyrills Nachfolger Johannes von Jerusalem zu.
Historischer Text
Dann gedenken wir auch derer, die vor uns entschlafen sind, zuerst der Patriarchen, Propheten, Apostel und Märtyrer, damit Gott auf ihre Gebete und Fürbitten unser Anliegen annehme. Danach gedenken wir auch der heiligen Väter und Bischöfe, die vor uns entschlafen sind, und überhaupt aller, die in vergangenen Jahren unter uns entschlafen sind. Denn wir glauben, dass dies den Seelen, für die das Gebet dargebracht wird, großen Nutzen bringt, während das heilige und ehrfurchtgebietende Opfer vorliegt. […] Wenn wir unsere Bitten für die Entschlafenen darbringen, bringen wir nicht einen Kranz dar, sondern Christus, der für unsere Sünden geopfert wurde, und bitten den barmherzigen Gott für sie wie für uns.
Vollständigen historischen Text öffnen: Cyrill von JerusalemWarum diese Stelle wichtig ist
Cyrill bezeugt das Gebet für Verstorbene als Bestandteil des eucharistischen Gottesdienstes. Die Praxis ist ausdrücklich auf Christus und sein Opfer bezogen und wird nicht als zweite Erlösung verstanden.
Die Reflexion Glaube und Überlieferung
Fürbitte für Verstorbene und der Gedanke einer Reinigung
Augustinus verbindet Fürbitte, Hoffnung und Läuterung.
Augustinus behandelt die Fürbitte für Verstorbene und erwägt im Enchiridion, dass manche Gläubige durch ein läuterndes Feuer gereinigt werden. Läuterung meint die abschließende Reinigung, die ein Gläubiger nach dem Tod empfängt; Fürsprache ist das betende Eintreten eines Menschen für einen anderen vor Gott. In De civitate Dei denkt er diesen Gedanken später vorsichtig weiter.
Die Reinigung nach dem Tod, über die Augustinus nachdenkt, hat die Kirche später verbindlich gelehrt: Das Konzil von Florenz unterscheidet die gereinigten Seelen von den Verdammten, und das Konzil von Trient bekräftigt das Fegefeuer und die Hilfe, die den Verstorbenen durch die Fürsprache der Gläubigen zuteil wird. Der Katechismus der Katholischen Kirche fasst diese Lehre in den Nummern 1030 bis 1032 zusammen.
Die Rückfrage Glaube und Überlieferung
Belegen frühe Gebete nur eine spätere Gewohnheit?
Der Einwand lautet: Frühe Gebete für Verstorbene beweisen nur eine Gewohnheit, aus der sich keine apostolische Lehre über das Fegefeuer ableiten lässt.
Der Einwand zielt auf den Abstand zwischen einer frommen Sitte und einer verbindlichen Lehre: Frühe Gebete für Verstorbene könnten aus späteren Frömmigkeitsformen stammen.
Die frühen Zeugnisse gebrauchen das spätere dogmatische Wort noch nicht; sie bezeugen aber ein Gebet, das die Läuterung voraussetzt, denn es gilt Verstorbenen, die in Christus gestorben sind und noch Hilfe empfangen können. Das Gewicht dieser Zeugnisse liegt in der frühen Bezeugung der Fürsprache für die Verstorbenen und in der vorhandenen Reflexion über die Reinigung der Gläubigen. Zusammen mit den biblischen Anhaltspunkten und der späteren lehramtlichen Klärung zeigen sie eine Kontinuität von Praxis, theologischer Prüfung und verbindlicher Lehre. Dass die Begrifflichkeit sich entwickelt, hebt diese Kontinuität nicht auf; daran wird sichtbar, wie die Kirche den überlieferten Glauben gegenüber offenen Fragen und Irrtümern genauer bestimmt. Benedikt XVI. nimmt die alte Bitte um Erquickung auf: Den Seelen der Verstorbenen kann durch Eucharistie, Gebet und Almosen „Erholung und Erfrischung“ geschenkt werden (Spe salvi 48). So nimmt die Kirche das Zeugnis Tertullians, das Gedenken, von dem Cyrill berichtet, und die Frage des Augustinus nach der Reinigung in ihre Lehre auf.