Gebet in der katholischen Praxis
Jesu Warnung vor religiöser Selbstüberhöhung
In Matthäus 23,9 warnt Jesus vor religiösen Titeln, die der Selbsterhöhung dienen. Daraus entsteht die Frage, ob die Anrede „Vater“ damit grundsätzlich ausgeschlossen ist.
3 Fragen · Alle Bibelstellen im Wortlaut · Quellen zum Prüfen

Die Schrift erschließt sich in dem Heiligen Geist, in dem sie geschrieben wurde. Ein kurzes Gebet stimmt auf das Lesen ein.
Vor dem LesenBetend lesen
Im Geist hören
Die Heilige Schrift ist Gottes Wort in menschlichen Worten. Wer sie liest, darf um den Geist bitten, der die biblischen Verfasser inspiriert hat und die Kirche in alle Wahrheit führt.
Komm, Heiliger Geist.
Öffne unseren Verstand für Gottes Wort und unser Herz für Christus. Lehre uns, die Heilige Schrift im Glauben der Kirche zu hören, und führe uns dazu, das Erkannte zu leben. Amen.
Im Gebet wird die Schriftlesung zum Gespräch mit Gott.
Bibelzitat, redaktionelle Erläuterung und Gebet bleiben klar unterschieden. Als Heilige Schrift gilt nur der gekennzeichnete Bibeltext; Erläuterungen und Gebete sind redaktionell verantwortet und anhand ihrer Quellen prüfbar.
Zum Weiterlesen:Dei Verbum 12 und 25Verbum Domini 15–16 und 86–87
Die Kritik an Titeln Bibel und Textverständnis
Mt 23,9 steht in einer Kritik an religiösen Titeln und Selbstüberhöhung
Jesus kritisiert Schriftgelehrte und Pharisäer, die Ehrenplätze und Titel suchen und sich über andere erheben.
Auch sollt ihr niemanden auf Erden euren Vater nennen; denn nur einer ist euer Vater, der im Himmel.
Auszug aus Mt 23,9 · EÜ 2016 · © KBA 2016↗
Welche Folgerung der Text begrenzt
Jesus warnt vor religiösen Titeln und Selbstüberhöhung und verweist auf den einen Vater.
In diesen Zusammenhang gehört der Satz, niemanden auf Erden „Vater“ zu nennen. Die Warnung verweist auf den einen Vater im Himmel und setzt damit eine Grenze für jede religiöse Stellung: Kein Mensch darf sich an Gottes Stelle setzen oder Gottes einzigartige Autorität für sich beanspruchen. Angesprochen ist die Haltung, aus der ein religiöser Titel beansprucht wird, und die Rangordnung, die dabei entsteht.
Der Blick der Stelle richtet sich auf die eine Quelle geistlicher Vaterschaft, den Vater im Himmel. Von ihm her erhält jede menschliche Vaterschaft ihre Bedeutung und bleibt auf ihn verwiesen. Damit grenzt die Stelle die Selbstüberhöhung ein, durch die ein Mensch Gottes einzigartige Vaterschaft verdrängt.
Warnung vor geistlichem Stolz Glaube und Überlieferung
Die Kirche versteht Mt 23,9 als Warnung vor geistlichem Stolz und religiöser Selbstherrlichkeit
Diese Warnung gehört zur kirchlichen Lehre über das Gebet und über den Dienst am Glauben.
Der Katechismus der Katholischen Kirche (KKK) lehrt, dass Gott jede menschliche Vaterschaft übersteigt und zugleich ihr Ursprung und Maß ist: „Niemand ist Vater so wie Gott“ (KKK 239). Er verweist dabei auf Eph 3,14–15, wo Paulus die Knie beugt „vor dem Vater, von dem jedes Geschlecht im Himmel und auf der Erde seinen Namen hat“; das griechische Wort für Geschlecht, πατριά (patriá, sprich: pat-ri-A), ist vom Wort für Vater, πατήρ (patḗr, sprich: pa-TÄR), abgeleitet. Menschliche Vaterschaft tritt darum nicht in Konkurrenz zu Gott; sie trägt einen Namen, der von ihm herkommt. Die Grenze, die Mt 23,9 markiert, gilt der religiösen Selbstherrlichkeit, die einen Auftrag in den Anspruch umdeutet, über den Glauben der anderen zu verfügen.
Als Aufgabe verstanden bezeichnet das Wort „Vater“ in menschlichen und geistlichen Beziehungen eine Beauftragung, die von Gott empfangen ist. Maßgeblich bleibt, ob ein Mensch seine Vaterschaft als Dienst am Glauben ausübt oder ob er sich selbst zum Ursprung und Maßstab des Glaubens macht. Nach dieser Lehre bleibt jede geistliche Vaterschaft auf den Vater im Himmel zurückverwiesen. Der Dienst am Glauben hält den Blick auf Gott, die Selbstherrlichkeit stellt sich an seine Stelle.
Quellen zu dieser Frage 1
Die Anrede Vater Glaube und Überlieferung
Widerspricht die Anrede „Vater“ der ausdrücklichen Anweisung Jesu?
Jesus sagt: „Auch sollt ihr niemanden auf Erden euren Vater nennen.“
Eine kirchliche Anrede wie „Vater“ scheint dieser Anweisung unmittelbar zu widersprechen. Wer den Satz für sich liest, wird in jeder geistlichen Verwendung des Wortes eine Übertretung sehen. Der Einwand wiegt schwer, weil er sich auf den Wortlaut beruft.
Der unmittelbare Zusammenhang muss mitgelesen werden: Jesus spricht über religiöse Führer, die Titel suchen, Ehrenplätze einnehmen und sich über andere erheben. Schon der Wortlaut zeigt die Richtung: Jesus stellt drei gleich gebaute Sätze nebeneinander, nicht „Rabbi“, nicht „Vater“, nicht „Lehrer“ (Mt 23,8–10), und doch zählt der Epheserbrief die „Hirten und Lehrer“ zu den Diensten, die Christus seiner Kirche gibt (Eph 4,11); Jesus selbst spricht von „euer Vater Abraham“ (Joh 8,56), und Paulus nennt Abraham „unser aller Vater“ (Röm 4,16). Das Neue Testament gebraucht die Sprache der Vaterschaft auch dort, wo Paulus seinen Dienst an einer Gemeinde beschreibt, und Stephanus eröffnet seine Antwort mit der Anrede „Brüder und Väter“. Jesu Wort trifft daher die Selbstüberhöhung, durch die ein Mensch Gottes einzigartige Vaterschaft verdrängt; die gewöhnliche und die geistliche Verwendung des Wortes „Vater“ trifft es nicht. So unterscheidet die Stelle zwischen einer Vaterschaft, die Gott gehört, und einem Dienst, der sich von ihm herleitet.
Auch die lutherische Bekenntnisüberlieferung kennt geistliche Väter. Luthers Großer Katechismus nennt sie in der Auslegung des vierten Gebots neben den leiblichen Vätern, den Hausvätern und den Vätern in öffentlichen Ämtern: „Es gibt außerdem auch noch geistliche Väter, allerdings nicht so wie im Papsttum, die sich zwar so nennen ließen, aber nicht wirklich als Väter für uns da waren. Denn nur diejenigen heißen mit Recht geistliche Väter, die uns durch Gottes Wort Wegweisung geben und Halt …“ Als Grund führt Luther das Pauluswort an, auf das sich auch die Kirche stützt: „Denn in Christus Jesus habe ich euch durch das Evangelium gezeugt“ (1 Kor 4,15). Sein Vorwurf gegen das Papsttum misst den Titel am Dienst, und daraus folgert er, dass den geistlichen Vätern Ehre gebührt. Denselben Maßstab legt die Kirche an jede geistliche Vaterschaft an: Sie ist Dienst am Wort, nicht Herrschaft über den Glauben.