Die Frau in der Heilsgeschichte
Von Eva zu Maria: die Frau in Genesis, unter dem Kreuz und in der Offenbarung
Die Schriftstellen nennen eine Frau, die von Genesis bis zur Offenbarung wiederkehrt. Die Kirche liest sie als Gottesvolk und erkennt in ihr Maria, die Mutter des Messias.
3 Fragen · Alle Bibelstellen im Wortlaut · Quellen zum Prüfen

Die Schrift erschließt sich in dem Heiligen Geist, in dem sie geschrieben wurde. Ein kurzes Gebet stimmt auf das Lesen ein.
Vor dem LesenBetend lesen
Im Geist hören
Die Heilige Schrift ist Gottes Wort in menschlichen Worten. Wer sie liest, darf um den Geist bitten, der die biblischen Verfasser inspiriert hat und die Kirche in alle Wahrheit führt.
Komm, Heiliger Geist.
Öffne unseren Verstand für Gottes Wort und unser Herz für Christus. Lehre uns, die Heilige Schrift im Glauben der Kirche zu hören, und führe uns dazu, das Erkannte zu leben. Amen.
Im Gebet wird die Schriftlesung zum Gespräch mit Gott.
Bibelzitat, redaktionelle Erläuterung und Gebet bleiben klar unterschieden. Als Heilige Schrift gilt nur der gekennzeichnete Bibeltext; Erläuterungen und Gebete sind redaktionell verantwortet und anhand ihrer Quellen prüfbar.
Zum Weiterlesen:Dei Verbum 12 und 25Verbum Domini 15–16 und 86–87
Anfang, Kreuz, Vollendung Bibel und Textverständnis
Eine Frau verbindet Anfang, Kreuz und Vollendung
Genesis 3,15, Kana, das Kreuz und Offenbarung 12 nennen eine Frau, in deren Gestalt die messianische Sendung sichtbar wird.
Und Feindschaft setze ich zwischen dir und der Frau, zwischen deinem Nachkommen und ihrem Nachkommen. Er trifft dich am Kopf und du triffst ihn an der Ferse.
Auszug aus Gen 3,15 · EÜ 2016 · © KBA 2016↗
Was die Stelle zum Argument beiträgt
Die Frau und ihre Nachkommenschaft stehen im heilsgeschichtlichen Konflikt mit der Schlange und ihrer Nachkommenschaft.
Jesus erwiderte ihr: Was willst du von mir, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen.
Auszug aus Joh 2,4 · EÜ 2016 · © KBA 2016↗
Was die Stelle zum Argument beiträgt
Jesus spricht seine Mutter bei der Hochzeit von Kana als „Frau“ an.
Als Jesus die Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er liebte, sagte er zur Mutter: Frau, siehe, dein Sohn! Dann sagte er zu dem Jünger: Siehe, deine Mutter! Und von jener Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.
Auszug aus Joh 19,26–27 · EÜ 2016 · © KBA 2016↗
Was die Stelle zum Argument beiträgt
Jesus stellt seine Mutter und den geliebten Jünger unter dem Kreuz einander anheim.
Dann erschien ein großes Zeichen am Himmel: eine Frau, mit der Sonne bekleidet; der Mond war unter ihren Füßen und ein Kranz von zwölf Sternen auf ihrem Haupt.
Auszug aus Offb 12,1 · EÜ 2016 · © KBA 2016↗
Was die Stelle zum Argument beiträgt
Eine Frau erscheint als großes Zeichen; sie bringt ein männliches Kind zur Welt und steht im Konflikt mit dem Drachen.
Genesis 3,15 spricht von der Frau und ihrem Nachkommen im Konflikt mit der Schlange und eröffnet damit den Horizont des Sieges über die Schlange. Jesus nennt Maria in Kana und unter dem Kreuz „Frau“ (Joh 2,4; 19,26). In Kana steht Maria am Anfang der Zeichen Jesu, als seine Stunde noch nicht gekommen ist (Joh 2,4); unter dem Kreuz steht sie in der Stunde, in der er sein Opfer vollendet. Offenbarung 12 zeigt die Frau, die einen Sohn gebiert, der die Völker weiden wird.
Die wiederkehrende Gestalt der Frau verbindet den Anfang, die Vollendung und die messianische Sendung. In Offenbarung 12 steht die Frau im Zusammenhang mit dem messianischen Kind und mit dem Kampf gegen den Drachen. So tritt eine Folge hervor, die von Genesis über Kana und das Kreuz bis zur Frau der Offenbarung führt. Diese Folge versteht die Kirche als Neue-Eva-Typologie.
Neue Eva und Kirche Glaube und Überlieferung
Die Kirche liest die Frau als Typus der Kirche und als die neue Eva
Die Kirche entfaltet Marias Aufgabe in der Heilsgeschichte und liest die Frau der Offenbarung im Zusammenhang mit der Gottesmutter und der neuen Eva.
Das Zweite Vatikanische Konzil entfaltet in Lumen gentium (LG), dem Konzilsdokument über die Kirche, Marias Aufgabe in der Heilsgeschichte (LG 55–59). LG 56 nimmt die Eva-Maria-Typologie im Zusammenhang mit Marias Glauben und Gehorsam auf, LG 63 nennt Maria den Typus der Kirche. Der Katechismus der Katholischen Kirche (KKK) verbindet in KKK 1138 und 2853 die Frau der Offenbarung mit der Gottesmutter und der neuen Eva.
Justin der Märtyrer
Eva, die Jungfrau und unversehrt war, empfing das Wort der Schlange und brachte Ungehorsam und Tod hervor. Die Jungfrau Maria aber empfing Glauben und Freude, als der Engel Gabriel ihr die frohe Botschaft brachte, dass der Geist des Herrn über sie kommen und die Kraft des Höchsten sie überschatten werde.
Dialog mit Tryphon · Dialog mit Tryphon 100 · Primärtext↗Justin der Märtyrer stellt um 155 im Dialog mit Tryphon (Kap. 100) Eva und Maria einander typologisch gegenüber.
Quelle im Zusammenhang lesen
Worum es hier geht
Justin deutet im Gespräch mit Tryphon die Menschwerdung Christi mit einem Gegenüber von Eva und Maria. Der Vergleich steht im Zusammenhang der Verkündigung an Maria und führt die Rettung auf den von ihr geborenen Sohn zurück.
Historischer Text
Eva, die Jungfrau und unversehrt war, empfing das Wort der Schlange und brachte Ungehorsam und Tod hervor. Die Jungfrau Maria aber empfing Glauben und Freude, als der Engel Gabriel ihr die frohe Botschaft brachte, dass der Geist des Herrn über sie kommen und die Kraft des Höchsten sie überschatten werde. Deshalb ist das Heilige, das aus ihr geboren wurde, der Sohn Gottes; und sie antwortete: „Mir geschehe nach deinem Wort.“ Durch sie ist er geboren, durch den Gott die Schlange und alle, die ihr gleichen, zerstört und denjenigen, die umkehren und an ihn glauben, Rettung vom Tod schenkt.
Vollständigen historischen Text öffnen: Justin der MärtyrerWarum diese Stelle wichtig ist
Justin bezeugt bereits in der Mitte des 2. Jahrhunderts die Eva-Maria-Typologie: Evas Ungehorsam und Marias Glaube werden einander gegenübergestellt. Der heilsgeschichtliche Mittelpunkt bleibt der von Maria geborene Sohn Gottes.
Irenäus von Lyon
Maria, die Jungfrau, wird in diesem Heilsplan als gehorsam gefunden, wenn sie sagt: „Siehe, ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe nach deinem Wort.“ Eva aber war ungehorsam.
Gegen die Häresien, Buch III, Kapitel 22 · Adversus haereses III,22,4 · Primärtext↗Irenäus von Lyon deutet um 180 in Adversus haereses III,22,4 Maria und Eva typologisch aufeinander.
Einordnung der Quelle
Der Text zeigt: Maria wird im Heilsplan als gehorsam gefunden, während Eva ungehorsam war.
Die Grenze: „Ursache des Heils“ meint bei Irenäus Marias gläubige Mitwirkung an der Menschwerdung; das Heil selbst wirkt Christus.
Quelle im Zusammenhang lesen
Worum es hier geht
Irenäus liest im Rahmen seiner Rekapitulationslehre Eva und Maria als Gegenbilder. Der Zusammenhang führt vom Ungehorsam Evas über Marias Gehorsam zur Menschwerdung und zum Heil in Christus.
Historischer Text
Maria, die Jungfrau, wird in diesem Heilsplan als gehorsam gefunden, wenn sie sagt: „Siehe, ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe nach deinem Wort.“ Eva aber war ungehorsam. […] Wie Eva durch ihren Ungehorsam zur Ursache des Todes für sich und das ganze Menschengeschlecht wurde, so wurde Maria durch ihren Gehorsam zur Ursache des Heils für sich und das ganze Menschengeschlecht. […] Der Knoten von Evas Ungehorsam wurde durch den Gehorsam Marias gelöst; was die Jungfrau Eva durch ihren Unglauben gebunden hatte, das machte die Jungfrau Maria durch ihren Glauben frei.
Vollständigen historischen Text öffnen: Irenäus von LyonWarum diese Stelle wichtig ist
Irenäus formuliert die Neue-Eva-Typologie sehr früh und verbindet sie mit Marias Gehorsam gegenüber Gottes Wort. Die Aussage macht den heilsgeschichtlichen Kontrast sichtbar, ohne Maria von Christus zu lösen.
Die Liturgie des Hochfestes Mariä Aufnahme empfängt die Lesung von der Frau der Offenbarung in diesem mehrschichtigen Sinn: Die Frau steht für das Gottesvolk und für die Kirche, und in ihr ist Maria als Mutter des Messias gegenwärtig. Offen ist noch, wie sich dieses Verständnis zu der Auslegung verhält, nach der die Frau der Offenbarung das Gottesvolk und die Kirche bedeutet.
Israel und Gottesvolk Glaube und Überlieferung
Die Frau steht für Israel, das Gottesvolk und die Kirche
Der Einwand liest die Frau der Offenbarung als Israel, als das Gottesvolk und als die Kirche und fragt von daher, welchen Ort Maria in diesem Bild hat.
Offenbarung 12 zeigt eine Frau, die einen Sohn gebiert, der die Völker weiden wird, und den Kampf gegen den Drachen. Das Bild trägt Züge Israels, des Gottesvolkes und der Kirche; die Kirche liest die Frau als die Gemeinschaft des Gottesvolkes und erkennt in ihr zugleich Maria als Mutter des Messias.
Der breite symbolische Horizont gehört zu der Art und Weise, wie die Kirche diese Stellen liest: Maria steht in diesem Bild als konkrete Mutter des Messias, während die Frau zugleich die Gemeinschaft des Gottesvolkes umfasst. So verbindet die typologische Zusammenschau die Mutter des Messias mit dem Volk, das sie darstellt. Damit trägt die Folge der Frau von Genesis über Kana und das Kreuz bis zur Offenbarung die Neue-Eva-Typologie und stützt so die Marienlehre der Kirche; die Kirche entfaltet diese Lehre in Schrift, Konzil, Katechismus und Liturgie.