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Marienlehre: Zeugnisse

Mutter und Jünger unter dem Kreuz

Unter dem Kreuz spricht Jesus ein Wort, das zwei Menschen füreinander bestimmt. Johannes 19,26–27 bezeugt diese Anvertrauung, und die Kirche liest darin die geistliche Mutterschaft Marias. Dieser Weg führt von der Szene über die Lehre der Kirche zu der Frage, wie sich beides zueinander verhält.

3 Fragen · Alle Bibelstellen im Wortlaut · Quellen zum Prüfen

Eine Marienfigur im blauen Mantel hält warmes Licht; dahinter liegen Gartenbogen, zwölf kleine Lichter und ein Weg zum Sonnenaufgang.
MariaKI-generierte Illustration
Vor dem LesenBetend lesen

Im Geist hören

Die Heilige Schrift ist Gottes Wort in menschlichen Worten. Wer sie liest, darf um den Geist bitten, der die biblischen Verfasser inspiriert hat und die Kirche in alle Wahrheit führt.

Komm, Heiliger Geist.

Öffne unseren Verstand für Gottes Wort und unser Herz für Christus. Lehre uns, die Heilige Schrift im Glauben der Kirche zu hören, und führe uns dazu, das Erkannte zu leben. Amen.

Im Gebet wird die Schriftlesung zum Gespräch mit Gott.

Bibelzitat, redaktionelle Erläuterung und Gebet bleiben klar unterschieden. Als Heilige Schrift gilt nur der gekennzeichnete Bibeltext; Erläuterungen und Gebete sind redaktionell verantwortet und anhand ihrer Quellen prüfbar.

Zum Weiterlesen:Dei Verbum 12 und 25Verbum Domini 15–16 und 86–87

Mutter und Jünger Bibel und Textverständnis

Die Schriftstellen

Am Kreuz vertraut Jesus seine Mutter und den geliebten Jünger einander an.

Als Jesus die Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er liebte, sagte er zur Mutter: Frau, siehe, dein Sohn! Dann sagte er zu dem Jünger: Siehe, deine Mutter! Und von jener Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.

Auszug aus Joh 19,26–27 · EÜ 2016 · © KBA 2016

Was die Stelle zum Argument beiträgt

Jesus stellt seine Mutter und den geliebten Jünger unter dem Kreuz einander anheim; der Jünger nimmt sie bei sich auf.

Joh 19,26–27: Zusammenhang und Übersetzung

Johannes schildert die Stunde, in der Jesus am Kreuz hängt. Bei ihm stehen seine Mutter und der Jünger, den Jesus liebte. Jesus sieht die beiden und spricht zuerst zu seiner Mutter: „Frau, siehe, dein Sohn!“ Dann wendet er sich an den Jünger: „Siehe, deine Mutter!“ Der Evangelist hält den Ausgang der Szene fest: Von jener Stunde an nimmt der Jünger die Mutter Jesu zu sich.

In dieser Szene liegt eine Anordnung gegenseitiger Sorge. Jesus weist seiner Mutter einen Sohn zu und dem Jünger eine Mutter, und er verbindet beide in einem neuen Verhältnis zueinander. Dieses Wort steht unter dem Kreuz, im Zusammenhang der Hingabe Christi, in der Stunde, in der er sein Leben hingibt. Damit trägt die Stelle ihren eigenen Beitrag: Sie bezeugt die Fürsorge Jesu, die seine Mutter und den geliebten Jünger einander anvertraut. Die Kirche liest diese Szene im Geheimnis Christi; darum folgt nun, wie sie Johannes 19,26–27 deutet.

Mutter der Jünger Glaube und Überlieferung

Die Lehre

Lumen gentium stellt Maria unter das Kreuz und in die Sendung ihres Sohnes; daraus entfaltet die Kirche ihre Mutterschaft in der Ordnung der Gnade.

Die Kirche liest den geliebten Jünger zugleich als Gestalt des Jüngerkreises. Lumen gentium (LG), die dogmatische Konstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils über die Kirche, stellt Maria in Nummer 58 unter dem Kreuz in die heilsgeschichtliche Sendung ihres Sohnes. Aus diesem Geschehen entfalten LG 61–62 und der Katechismus der Katholischen Kirche (KKK) ihre Mutterschaft in der Ordnung der Gnade: Maria ist Mutter der Glaubenden, weil Christus sie ihnen anvertraut.

Diese Lehre ist eine kirchliche Entfaltung des johanneischen Geschehens im Geheimnis Christi und der Kirche, und sie lebt aus dem Zusammenspiel mehrerer Zeugnisse der Schrift; Johannes 19,26–27 gehört zu diesen Zeugnissen. Dieses Verständnis wurde im Zusammenhang mit der Lehre der Kirche über Maria als Mutter der Kirche entfaltet. Der mütterliche Dienst Marias bleibt dabei vollständig auf Christus und sein Erlösungswerk bezogen; sie führt die Glaubenden zu ihrem Sohn. Offen ist die Frage, die sich bei der konkreten Szene stellt: Wie verhält sich die Sorge für die Mutter eines Sterbenden zur Mutterschaft gegenüber allen Jüngern?

Quellen zu dieser Frage 3

Sorge und Mutterschaft Glaube und Überlieferung

Beschreibt Johannes 19 nur die Sorge für Maria?

Die Frage lautet, ob die Anordnung am Kreuz die Sorge für Maria beschreibt oder die Mutterschaft gegenüber allen Jüngern.

Die Worte Jesu lassen sich als konkrete Vorsorge für seine Mutter lesen: Der geliebte Jünger übernimmt ihre Versorgung, nimmt sie zu sich auf und sorgt für sie. So steht am Fuß des Kreuzes ein menschlicher Vorgang von großer Schlichtheit, und die Sorge um die Mutter eines Sterbenden ist ein würdiger Sinn der Stelle. Aus dieser Lesart ergibt sich die Frage, wie die Kirche von der Sorge für Maria zu ihrer Mutterschaft gegenüber allen Jüngern kommt.

Die konkrete Sorge gehört zum unmittelbaren Sinn des Textes, und die Kirche hält an ihr fest. Zugleich steht die Anordnung im Höhepunkt der Sendung Jesu; Lumen gentium 58 liest sie als Wort an Maria und an den geliebten Jünger, in dem der Jüngerkreis gegenwärtig ist, und darum erkennt die Kirche in dieser Beziehung ein Zeichen geistlicher Mutterschaft. Die konkrete Szene und ihre heilsgeschichtliche Bedeutung stehen miteinander: Die Fürsorge am Kreuz ist der Boden, auf dem die Kirche die geistliche Mutterschaft Marias erkennt, und diese Mutterschaft wächst aus dem Zusammenspiel der Zeugnisse der Schrift, zu denen Johannes 19,26–27 beiträgt.

Quellen zu dieser Frage 2
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