Petrusdienst
Das Dogma der Unfehlbarkeit ist eine spätere Präzisierung
Zwei Stellen der Evangelien bezeugen eine besondere Stellung des Petrus. Das Erste Vatikanische Konzil hat 1870 umrissen, unter welchen Bedingungen dieser Dienst unfehlbar ausgeübt wird.
3 Fragen · Alle Bibelstellen im Wortlaut · Quellen zum Prüfen

Die Schrift erschließt sich in dem Heiligen Geist, in dem sie geschrieben wurde. Ein kurzes Gebet stimmt auf das Lesen ein.
Vor dem LesenBetend lesen
Im Geist hören
Die Heilige Schrift ist Gottes Wort in menschlichen Worten. Wer sie liest, darf um den Geist bitten, der die biblischen Verfasser inspiriert hat und die Kirche in alle Wahrheit führt.
Komm, Heiliger Geist.
Öffne unseren Verstand für Gottes Wort und unser Herz für Christus. Lehre uns, die Heilige Schrift im Glauben der Kirche zu hören, und führe uns dazu, das Erkannte zu leben. Amen.
Im Gebet wird die Schriftlesung zum Gespräch mit Gott.
Bibelzitat, redaktionelle Erläuterung und Gebet bleiben klar unterschieden. Als Heilige Schrift gilt nur der gekennzeichnete Bibeltext; Erläuterungen und Gebete sind redaktionell verantwortet und anhand ihrer Quellen prüfbar.
Zum Weiterlesen:Dei Verbum 12 und 25Verbum Domini 15–16 und 86–87
Schlüsselgewalt und Glaubensauftrag Bibel und Textverständnis
Die Schrift bezeugt Schlüsselgewalt und den Auftrag, die Brüder im Glauben zu stärken
Matthäus 16 und Lukas 22 zeigen, was Simon, dem Petrus, anvertraut wird.
Auszug aus Mt 16,18–19 · EÜ 2016 · © KBA 2016↗Vers 18: Ich aber sage dir: Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen und die Pforten der Unterwelt werden sie nicht überwältigen.
Vers 19: Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben; was du auf Erden binden wirst, das wird im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird im Himmel gelöst sein.
Was die Stelle zum Argument beiträgt
Jesus verheißt Petrus eine besondere Stellung beim Bau seiner Kirche, die Schlüssel sowie die Binde- und Lösevollmacht.
Im Matthäusevangelium, Kapitel 16, den Versen 18 und 19, spricht Jesus Simon an und gibt ihm den Namen Petrus, den Felsen. Auf diesen Felsen will er seine Kirche bauen, und er verheißt Simon die Schlüssel des Himmelreichs. Was Simon auf Erden bindet, wird im Himmel gebunden sein, und was er löst, wird im Himmel gelöst sein. Die Schlüssel bezeichnen die Vollmacht, das Haus Gottes, die Kirche, zu leiten; Binden und Lösen meint nach der Lehre der Kirche die Vollmacht, in der Kirche von Sünden loszusprechen, Lehrurteile zu fällen und disziplinarische Entscheidungen zu treffen (KKK 553).
Ich aber habe für dich gebetet, dass dein Glaube nicht erlischt. Und wenn du wieder umgekehrt bist, dann stärke deine Brüder!
Auszug aus Lk 22,31–32 · EÜ 2016 · © KBA 2016↗
Was die Stelle zum Argument beiträgt
Jesus betet für den Glauben des Petrus und beauftragt ihn, seine Brüder zu stärken.
Im Lukasevangelium, Kapitel 22, den Versen 31 und 32, sagt Jesus zu Simon, der Satan habe verlangt, die Jünger wie Weizen zu sieben. Jesus aber hat für Simon gebetet, dass sein Glaube nicht erlischt, und er trägt ihm auf, nach seiner Umkehr die Brüder zu stärken. Der zweite Text zeigt einen weiteren Zug dieses Dienstes in der Stunde der Glaubensnot: Simon soll andere im Glauben halten, während sein eigener Glaube bedroht war. Diese beiden Stellen sind der biblische Grund: die Schlüsselgewalt und der Auftrag, die Brüder im Glauben zu stärken. Die ausformulierte Gestalt von Papstamt und Unfehlbarkeit, wie sie die Formel des Jahres 1870 fasst, ist die spätere Klärung, die die Kirche aus diesen Zeugnissen und aus der Überlieferung entfaltet.
Bedingungen der Unfehlbarkeit Glaube und Überlieferung
Das Erste Vatikanische Konzil bindet die Unfehlbarkeit an einen genau bestimmten Lehrakt
Am 18. Juli 1870 definiert das Konzil in der Konstitution Pastor aeternus, was der Petrusdienst in der Kirche umfasst.
Die Kirche liest die beiden Stellen als Zeugnis eines bleibenden Petrusdienstes. Am 18. Juli 1870 präzisiert das Erste Vatikanische Konzil diesen Dienst in der Konstitution Pastor aeternus, zu Deutsch „Der ewige Hirte“, auf zwei Weisen: als Primat der Jurisdiktion, also als die Vollmacht, in der Kirche verbindlich zu leiten und zu entscheiden, und als Unfehlbarkeit des Papstes unter bestimmten Bedingungen. Die biblischen Texte bilden den Grund, die Definition von 1870 bestimmt die genaue dogmatische Reichweite.
Pastor aeternus, Erstes Vatikanisches Konzil
Pastor aeternus, Kap. 3–4
Das Erste Vatikanische Konzil definiert die Unfehlbarkeit des Papstes und die Bedingungen, unter denen er sie ausübt.
Wenn der Römische Bischof ex cathedra spricht, das heißt, wenn er in Ausübung seines Amtes als Hirte und Lehrer aller Christen kraft seiner höchsten apostolischen Autorität entscheidet, dass eine Lehre über den Glauben oder die Sitten von der ganzen Kirche festzuhalten ist, dann besitzt er durch den göttlichen Beistand, der ihm im seligen Petrus verheißen ist, jene Unfehlbarkeit, mit der der göttliche Erlöser seine Kirche bei der Definition einer Lehre über den Glauben oder die Sitten ausgestattet sehen wollte. Daher sind solche Definitionen des Römischen Bischofs aus sich selbst, nicht aber aufgrund der Zustimmung der Kirche unabänderlich (ex sese, non autem ex consensu Ecclesiae).
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Die Definition umgrenzt einen genau bestimmten Lehrakt, den sie „ex cathedra“, vom Lehrstuhl aus, nennt. Er liegt vor, wenn der Papst erstens in Ausübung seines Amtes als Hirte und Lehrer aller Christen handelt, zweitens kraft seiner höchsten apostolischen Autorität und drittens eine Lehre über Glauben oder Sitten endgültig als von der ganzen Kirche festzuhalten bestimmt. Für einen solchen Akt sagt das Konzil den göttlichen Beistand zu; daraus folgt, dass die Definition aus sich selbst und nicht erst durch die Zustimmung der Kirche unabänderlich ist. Die Unfehlbarkeit ist dabei eine Gabe an die ganze Kirche: Der Papst besitzt jene Unfehlbarkeit, mit der Christus seine Kirche ausstatten wollte, und sie kommt auch dem Kollegium der Bischöfe zu, wenn es mit dem Nachfolger Petri das oberste Lehramt ausübt, vor allem auf einem Ökumenischen Konzil (LG 25; KKK 891). Damit ist der biblische Petrusdienst dogmatisch genau bestimmt. Die Unfehlbarkeit ist kein persönlicher Vorzug des Papstes, sondern der Beistand des Heiligen Geistes für einen bestimmten Lehrakt. Die Kirche behauptet keine persönliche Sündlosigkeit und keine Fehlerlosigkeit in politischen, historischen oder privaten Aussagen. Der historische Fall des Honorius wurde auf dem Dritten Konzil von Konstantinopel (680–681) verurteilt; Pastor aeternus erwähnt ihn nicht und entscheidet den Fall nicht.
Die Kirche unterscheidet dabei drei Stufen verbindlicher Lehre. Manche Wahrheiten legt sie als von Gott geoffenbart zu glauben vor; sie verlangen den Glauben. Andere Wahrheiten, die zur unversehrten Bewahrung und getreuen Auslegung des Glaubensgutes notwendig sind, hält sie endgültig fest, auch wenn sie nicht als formell geoffenbart vorgelegt werden; auch sie werden unfehlbar gelehrt und verlangen eine feste und endgültige Zustimmung. Wieder andere Lehren legt sie in Ausübung des authentischen Lehramts vor, ohne sie endgültig zu entscheiden; ihnen gilt religiöser Gehorsam des Willens und des Verstandes, der sie nicht zur beliebigen Privatmeinung macht. Eine endgültige Definition gilt aus sich selbst und nicht erst aufgrund der Zustimmung der Kirche. In allen drei Stufen bleibt der Papst als Hirte und Lehrer aller Christen an das empfangene Glaubensgut gebunden und legt es aus; neue öffentliche Offenbarung fügt er ihm nicht hinzu.
Quellen zu dieser Frage 6
- Pastor aeternus, Kap. 4Pastor aeternus, Erstes Vatikanisches Konzil ↗
- Drittes Konzil von Konstantinopel (680–681), Sitzung XIIIDrittes Konzil von Konstantinopel ↗
- Hefele V, §§323–324Leo II. bestätigt Konstantinopel III ↗
- LG 25Lumen gentium ↗
- Nr. 5–6, 9Lehrmäßiger Kommentar zur Professio fidei ↗
- KKK 891–892Katechismus der Katholischen Kirche ↗
Die Verurteilung des Honorius Glaube und Überlieferung
Die Verurteilung des Papstes Honorius widerlegt die päpstliche Unfehlbarkeit
Honorius wurde verurteilt. Wenn ein Papst einer falschen Lehre verfallen konnte, scheint kein päpstlicher Lehrakt unfehlbar zu sein.
Das Dritte Konzil von Konstantinopel hat Papst Honorius verurteilt. Aus diesem Vorgang ergibt sich der Einwand: Wenn ein Papst als Häretiker oder als Unterstützer einer falschen Lehre verurteilt werden konnte, könne kein päpstlicher Lehrakt unfehlbar sein. Die Verurteilung eines Papstes trifft dann die Definition von 1870 im Kern.
Drittes Konzil von Konstantinopel
Drittes Konzil von Konstantinopel (680–681), Sitzung XIII
Sitzung XIII verurteilt Honorius namentlich wegen seines Schreibens an Sergius, in dem er dessen Ansicht folgte.
Aus der heiligen Kirche Gottes soll Honorius, der einst Papst des alten Rom war, ausgeschlossen und anathematisiert werden, weil er in dem an Sergius gerichteten Schreiben in allem dessen Ansicht folgte und seine unfrommen Lehren bestätigte.
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Die Verurteilung stammt vom Dritten Konzil von Konstantinopel, das in den Jahren 680 und 681 tagte. Der Einwand verlangt eine genaue Prüfung dessen, wofür Honorius verurteilt wurde. Das Konzil nennt den Grund selbst: sein Schreiben an Sergius, in dem er dessen Ansicht folgte und dessen Lehre bestätigte. Dieses Schreiben war eine Antwort an einen einzelnen Bischof in einem laufenden Streit; es bestimmte keine Lehre endgültig als von der ganzen Kirche festzuhalten. Damit fehlt gerade das, was nach der Definition von 1870 einen unfehlbaren Lehrakt ausmacht. Der Fall zeigt, dass ein Papst in einer nicht definierenden Äußerung irren und dafür verurteilt werden kann; die Definition von 1870 bleibt davon unberührt.