Bibelkanon
Bestätigt Jesus mit Abel und Zacharias 66 Bücher?
Gehören 66 oder 73 Bücher zur Heiligen Schrift? Ein in protestantischer Apologetik verbreitetes Argument leitet aus Jesu Wort „von Abel bis Zacharias“ eine Grenze des Alten Testaments ab und beruft sich auf eine Sammlung im Tempel. Entscheidend ist, wie dieser Schluss zustande kommt.
3 Fragen · Alle Bibelstellen im Wortlaut · Quellen zum Prüfen

Die Schrift erschließt sich in dem Heiligen Geist, in dem sie geschrieben wurde. Ein kurzes Gebet stimmt auf das Lesen ein.
Vor dem LesenBetend lesen
Im Geist hören
Die Heilige Schrift ist Gottes Wort in menschlichen Worten. Wer sie liest, darf um den Geist bitten, der die biblischen Verfasser inspiriert hat und die Kirche in alle Wahrheit führt.
Komm, Heiliger Geist.
Öffne unseren Verstand für Gottes Wort und unser Herz für Christus. Lehre uns, die Heilige Schrift im Glauben der Kirche zu hören, und führe uns dazu, das Erkannte zu leben. Amen.
Im Gebet wird die Schriftlesung zum Gespräch mit Gott.
Bibelzitat, redaktionelle Erläuterung und Gebet bleiben klar unterschieden. Als Heilige Schrift gilt nur der gekennzeichnete Bibeltext; Erläuterungen und Gebete sind redaktionell verantwortet und anhand ihrer Quellen prüfbar.
Zum Weiterlesen:Dei Verbum 12 und 25Verbum Domini 15–16 und 86–87
Jesu Wort Bibel und Textverständnis
Warum soll „Abel bis Zacharias“ den Kanon begrenzen?
Der Einwand liest die beiden Namen als Anfang und Ende einer hebräischen Buchordnung.
Der Schluss des Einwands geht so: Abel wird in Genesis getötet. Vom Tod Secharjas erzählt 2 Chronik; in einer hebräischen Buchordnung steht Chronik am Schluss. Wenn Jesus in Matthäus 23,35 vom Blut Abels bis zum Blut des Zacharias spricht, bestätigt er nach dieser Deutung die Bücher zwischen Genesis und Chronik. Das wären 39 Bücher nach protestantischer Zählung. Zusammen mit den späteren 27 Büchern des Neuen Testaments ergibt sich der Kanon von 66 Büchern. Der Einwand nimmt außerdem an, diese heiligen Schriften hätten im Tempel schon als fester Bestand gelegen.
Als sie auf dem Feld waren, erhob sich Kain gegen Abel, seinen Bruder, und tötete ihn.
Auszug aus Gen 4,8 · EÜ 2016 · © KBA 2016↗
Was die Stelle zum Argument beiträgt
Abels Ermordung ist das erste erzählte unschuldige Blut, mit dem Jesu Bogen in Matthäus 23,35 beginnt.
So wird all das unschuldige Blut über euch kommen, das auf Erden vergossen worden ist, vom Blut Abels, des Gerechten, bis zum Blut des Zacharias, Barachias Sohn, den ihr zwischen dem Tempelgebäude und dem Altar ermordet habt.
Auszug aus Mt 23,35 · EÜ 2016 · © KBA 2016↗
Die Frage an diesen Text
Jesus spannt seine Anklage über vergossenes unschuldiges Blut von Abel bis Zacharias; eine Bücherzahl nennt er dabei nicht.
ihr aber werdet einige von ihnen töten und kreuzigen, andere in euren Synagogen auspeitschen und von Stadt zu Stadt verfolgen.
Auszug aus Mt 23,34 · EÜ 2016 · © KBA 2016↗
Was die Stelle zum Argument beiträgt
Jesus kündigt unmittelbar vor seinem Wort von Abel bis Zacharias weitere Tötungen seiner Boten an.
Jesu Rede handelt aber von einer anderen Frage: Wer trägt die Schuld am Blut der Gerechten? Unmittelbar davor kündigt Jesus weitere Tötungen der von ihm gesandten Boten an (Matthäus 23,34). Mit Abel und Zacharias fasst er die Geschichte der Verfolgung zusammen. Ob Genesis und Chronik die Grenze aller heiligen Bücher bilden, sagt diese Anklage nicht.
vom Blut Abels bis zum Blut des Zacharias, der zwischen Altar und Tempelhaus umgebracht wurde.
Auszug aus Lk 11,51 · EÜ 2016 · © KBA 2016↗
Was die Stelle zum Argument beiträgt
Lukas überliefert denselben Bogen von Abel bis Zacharias ohne Vatersnamen und bestätigt den Zusammenhang der Anklage.
Sie aber taten sich gegen ihn zusammen und steinigten ihn auf Befehl des Königs im Hof des Hauses des HERRN.
Auszug aus 2 Chr 24,20–22 · EÜ 2016 · © KBA 2016↗
Die Frage an diesen Text
Secharja wird im Tempelhof gesteinigt: Die Szene stützt einen Chronikbezug; sein Vater heißt hier Jojada.
Im zweiten Jahr des Darius erging im achten Monat das Wort des HERRN an den Propheten Sacharja, den Sohn Berechjas, des Sohnes Iddos: Schwer hat der HERR euren Vätern gezürnt.
Auszug aus Sach 1,1–2 · EÜ 2016 · © KBA 2016↗
Die Frage an diesen Text
Der Prophet Sacharja heißt Sohn Berechjas; diese Vaterangabe steht der Fassung des Matthäus nahe.
Diese Buchgrenze setzt voraus, dass Jesu Zacharias der getötete Secharja aus 2 Chronik ist. Dort heißt er Secharja, Sohn Jojadas; Matthäus nennt ihn Zacharias, Sohn des Barachias. Sacharja 1,1 nennt den Propheten Sacharja Sohn Berechjas; Lukas nennt keinen Vater. Der Bezug zur Chronik bleibt möglich; die Gleichsetzung ist nicht gesichert.
Gott hat uns die Hoffnung gegeben, dass er uns auferstehen lässt.
Auszug aus 2 Makk 7,1–42 · EÜ 2016 · © KBA 2016↗
Welche Folgerung der Text begrenzt
Das deuterokanonische Buch erzählt vom Tod der sieben Brüder und ihrer Mutter in der Makkabäerzeit.
2 Makkabäer 7 berichtet, dass die sieben Brüder und ihre Mutter Jahrhunderte nach Secharja aus 2 Chronik um ihres Glaubens willen starben. Auch das Alte Testament, das die Kirche empfängt, erzählt also von späteren Märtyrern. Das widerspricht Jesu Wort nicht. Selbst wenn Jesus auf die Chronik anspielt, sagt eine Reihe ermordeter Gerechter nichts darüber, ob weitere Bücher über Weisheit, Gebet oder andere Ereignisse zur Heiligen Schrift gehören.
Gesammelte Bücher Glaube und Überlieferung
Was wissen wir über die gesammelten Schriften?
2 Makkabäer bezeugt eine Büchersammlung und gehört selbst zum katholischen Alten Testament.
2 Makkabäer 2,13–15 erzählt, dass Nehemia eine Bibliothek gründete. Er sammelte Schriften über Könige und Propheten, Schriften Davids und königliche Briefe. Judas Makkabäus trug später verstreute Bücher wieder zusammen. Dieser Bericht steht in 2 Makkabäer, einem Buch, das die Kirche als Heilige Schrift empfängt und das im protestantischen Alten Testament fehlt.
Das Gleiche wird auch in den Urkunden und in den Erinnerungen des Nehemia erzählt; dort steht auch, wie er eine Bibliothek gründete und die Bücher über die Könige und die der Propheten, Davids sowie königliche Briefe über Weihegaben sammelte.
Auszug aus 2 Makk 2,13–15 · EÜ 2016 · © KBA 2016↗
Welche Folgerung der Text begrenzt
Ein deuterokanonisches Buch bezeugt Nehemias und Judas’ Sammlung; eine Tempel-Bücherliste nennt der Text nicht.
Der Bericht sagt nicht, die Bibliothek habe im Tempel gelegen. Er nennt auch keine vollständige Liste heiliger Bücher. Für die Behauptung, im Tempel habe der gesamte Bestand heiliger Bücher festgestanden, braucht es also einen weiteren Beleg.
Spätere jüdische Texte nennen eine Schriftrolle Esras, eine Rolle im Tempelhof und eine Buchordnung mit Chronik am Schluss. Nach dem historischen Befund der Päpstlichen Bibelkommission waren Gesetz und Propheten zur Zeit Jesu anerkannte Sammlungen; der Umfang der übrigen Schriften stand noch nicht abschließend fest. Diese späteren Zeugnisse können ältere Überlieferungen bewahren. Sie belegen keinen zu Jesu Zeit abgeschlossenen Bestand von 39 Büchern im Tempel.
Der gewichtigste Zeuge für einen frühen engeren Bestand ist Josephus. Er zählt zwischen 93 und 95 zweiundzwanzig Bücher und erklärt, die später verfassten Schriften hätten nicht dieselbe Glaubwürdigkeit, weil seit Artaxerxes die genaue Folge der Propheten gefehlt habe (Contra Apionem I,37–42). Die Päpstliche Bibelkommission urteilt, Josephus komme der Idee eines Kanons sehr nahe; sein vager Verweis auf Bücher, denen man noch keinen Namen gegeben hatte, lasse aber erkennen, „dass das Judentum noch nicht zu einer klar definierten Sammlung von Schriften gelangt war“ (PBK Nr. 16, Anm. 34). Josephus bezeugt also einen geordneten Bestand und seinen eigenen Maßstab der Prophetenfolge, noch keine abgeschlossene Liste.
Biblisch beruft sich der Einwand auf Jesu Wort nach der Auferstehung: „Alles muss in Erfüllung gehen, was im Gesetz des Mose, bei den Propheten und in den Psalmen über mich geschrieben steht.“ (Lk 24,44) Neben Gesetz und Propheten nennt Jesus die Psalmen, keinen abgegrenzten dritten Teil; auch die Vorrede zum Buch Jesus Sirach spricht offen von dem, was Israel „durch das Gesetz und die Propheten und die anderen, die ihnen gefolgt sind“, gegeben ist. Ebenso nennt Paulus mit dem Satz „Ihnen sind die Worte Gottes anvertraut“ (Röm 3,2) den Vorzug Israels, kein Verzeichnis seiner Bücher. Den Sinn der Schriften erschließt der Auferstandene selbst: „Darauf öffnete er ihren Sinn für das Verständnis der Schriften.“ (Lk 24,45) Darum fragt die Kirche nach dem Umfang der Schrift in der Überlieferung, die von Christus und den Aposteln ausgeht.
Quellen zu dieser Frage 7
- Moed Katan 18b:24 / Mischna 3,4Mischna Moed Katan 3,4 (in Moed Katan 18b) ↗
- Kelim Bava Metzia 5,7Tosefta Kelim Bava Metzia 5,7 ↗
- Bava Batra 14b:11Babylonischer Talmud, Bava Batra 14b ↗
- Anmerkung zu Mt 23,35USCCB Bible: Matthew 23 notes ↗
- Anmerkung zu Lk 11,51USCCB Bible: Luke 11 notes ↗
- Nr. 16–18Das jüdische Volk und seine Heilige Schrift in der christlichen Bibel ↗
- Contra Apionem I,37–42Josephus, Contra Apionem I,37–42 ↗
Christlicher Kanon Glaube und Überlieferung
Wer erkennt, welche Bücher zur Heiligen Schrift gehören?
Die Kirche erkennt die Heilige Schrift in der Überlieferung, die sie von Christus und den Aposteln empfangen hat.
Für Christen ist entscheidend, welche Schriften die Kirche von Christus und den Aposteln her empfangen hat. In dieser Überlieferung erkennt und bezeugt sie, welche Bücher von Gott inspiriert sind. Dazu gehören nach ihrer Lehre auch die deuterokanonischen Bücher, die im katholischen, aber nicht im protestantischen Alten Testament stehen. Die 46 Bücher des Alten und 27 des Neuen Testaments bilden ihren Kanon von 73 Büchern (DV 7–10; KKK 120).
Wer eine jüdische Buchordnung, die erst später schriftlich bezeugt ist, als verbindliche Grenze für Christen übernimmt, braucht dafür eine eigene Begründung. Hier geht es um die Autorität für den christlichen Kanon, nicht um ein Urteil über das jüdische Volk.