Bibelkanon
Die Schrift nennt ihre Bücher nicht vollständig
2 Timotheus 3,16 bezeugt, dass die Schrift von Gott eingegeben ist, und nennt ihren Nutzen. Eine Liste der biblischen Bücher steht in diesem Vers nicht. Die Frage, welche Bücher zur Heiligen Schrift gehören, führt deshalb zur apostolischen Überlieferung und zum Zeugnis der Kirche.
3 Fragen · Alle Bibelstellen im Wortlaut · Quellen zum Prüfen

Die Schrift erschließt sich in dem Heiligen Geist, in dem sie geschrieben wurde. Ein kurzes Gebet stimmt auf das Lesen ein.
Vor dem LesenBetend lesen
Im Geist hören
Die Heilige Schrift ist Gottes Wort in menschlichen Worten. Wer sie liest, darf um den Geist bitten, der die biblischen Verfasser inspiriert hat und die Kirche in alle Wahrheit führt.
Komm, Heiliger Geist.
Öffne unseren Verstand für Gottes Wort und unser Herz für Christus. Lehre uns, die Heilige Schrift im Glauben der Kirche zu hören, und führe uns dazu, das Erkannte zu leben. Amen.
Im Gebet wird die Schriftlesung zum Gespräch mit Gott.
Bibelzitat, redaktionelle Erläuterung und Gebet bleiben klar unterschieden. Als Heilige Schrift gilt nur der gekennzeichnete Bibeltext; Erläuterungen und Gebete sind redaktionell verantwortet und anhand ihrer Quellen prüfbar.
Zum Weiterlesen:Dei Verbum 12 und 25Verbum Domini 15–16 und 86–87
Herkunft und Wirkung Bibel und Textverständnis
2 Timotheus 3,16 bezeugt Herkunft und Nutzen der Schrift
2 Timotheus 3,16 spricht von Herkunft und Wirkung der Schrift; eine Liste ihrer Bücher steht darin nicht.
Jede Schrift ist, als von Gott eingegeben, auch nützlich zur Belehrung, zur Widerlegung, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit, damit der Mensch Gottes gerüstet ist, ausgerüstet zu jedem guten Werk.
Auszug aus 2 Tim 3,16–17 · EÜ 2016 · © KBA 2016↗
Was die Stelle zum Argument beiträgt
Die Schrift ist von Gott eingegeben und nützlich zur Lehre; der Vers enthält keine Bücherliste.
Im zweiten Timotheusbrief beschreibt Paulus die Schrift als von Gott eingegeben. Er nennt ihre Wirkung: Sie belehrt, widerlegt, bessert und erzieht in der Gerechtigkeit, damit der Mensch Gottes für jedes gute Werk ausgerüstet ist. Der Abschnitt spricht damit über die Herkunft der Schrift und über ihren Dienst am Menschen.
Aus dieser Aussage über die Inspiration ergibt sich keine vollständige Bücherliste. Der Vers beantwortet die Frage, woher die Schrift kommt und wozu sie dient. Welche Bücher zur Sammlung gehören, steht darin noch nicht; dieser Frage gehen die weiteren Schritte nach.
Kanon und apostolische Überlieferung Glaube und Überlieferung
Die Kirche erkennt den Kanon in der apostolischen Überlieferung und in ihrem Zeugnis
Wer wissen will, welche Bücher zur Heiligen Schrift gehören, wird auf die Überlieferung der Apostel und auf das Zeugnis der Kirche verwiesen.
Die Kirche liest 2 Timotheus 3,16 im Zusammenhang der apostolischen Überlieferung. Die Konstitution Dei Verbum des Zweiten Vatikanischen Konzils über die göttliche Offenbarung (abgekürzt DV) und der Katechismus der Katholischen Kirche (abgekürzt KKK) halten fest, dass Schrift, apostolische Überlieferung und kirchliche Weitergabe eine Einheit bilden. Die Erkenntnis des Kanons, also der verbindlichen Sammlung der biblischen Bücher, gehört in diesen Zusammenhang: Diese Erkenntnis ist der Kirche im Zeugnis der Apostel und ihrer Überlieferung gegeben.
Die Päpstliche Bibelkommission zeichnet in ihrem Dokument „Das jüdische Volk und seine Heilige Schrift in der christlichen Bibel“ (Nr. 16–18) nach, wie sich die jüdischen und christlichen Schriftensammlungen erst im Lauf der Zeit abgrenzten. Daran wird sichtbar: Dass die Schrift von Gott eingegeben ist, bezeugt der Vers selbst; welche Bücher zu ihr gehören, erkennt die Kirche in der Überlieferung, die sie weitergibt und in der sie die Schrift empfängt.
Die vollständige Bücherliste Glaube und Überlieferung
Warum steht die vollständige Bücherliste nicht schon in 2 Timotheus?
Die Aussage über die Inspiration lässt sich so verstehen, dass sie den Kanon bereits vollständig bestimmt.
Wenn jede Schrift von Gott eingegeben ist, müsste der Vers dann nicht sagen, welche Bücher dazugehören? Dann legt der Vers selbst fest, welche Bücher zur inspirierten Schrift gehören.
Der Wortlaut beschreibt Inspiration, Nutzen und Ziel der Schrift; eine Aufzählung einzelner Bücher oder ein Inhaltsverzeichnis des Kanons enthält er nicht. Deshalb kann 2 Timotheus 3,16 die göttliche Herkunft der Schrift bezeugen, ohne aus sich heraus die vollständige Sammlung zu benennen. Die Frage nach dem Umfang der Sammlung stellt sich damit für beide Testamente: Auch das Neue Testament enthält kein Verzeichnis seiner 27 Bücher, und noch Eusebius rechnet den Jakobusbrief, den Judasbrief und den zweiten Petrusbrief zu den bestrittenen Schriften (Kirchengeschichte III,25). Auch wer 66 Bücher annimmt, empfängt diese 27 Bücher aus der Überlieferung der Kirche, die die umstrittenen Schriften geprüft und angenommen hat; durch dieselbe Überlieferung erkennt die Kirche den vollständigen Kanon (DV 8).