Die Geschichte des Kanons führt zurück zu Christus und seiner Kirche
Die historische Entwicklung jüdischer und christlicher Schriftensammlungen zeigt, dass die Kirche Israels Schriften in einer Zeit noch nicht vollständig abgeschlossener jüdischer Kanonbildung empfing und ihren weiteren Gebrauch aus der apostolischen Überlieferung fortsetzte.
Kernaussage
Die historische Entwicklung jüdischer und christlicher Schriftensammlungen zeigt, dass die Kirche Israels Schriften in einer Zeit noch nicht vollständig abgeschlossener jüdischer Kanonbildung empfing und ihren weiteren Gebrauch aus der apostolischen Überlieferung fortsetzte.
Schlüsselfrage
Wer bestimmt den christlichen Kanon?
Katholische Auslegung
Die Frage nach dem Umfang der Bibel ist eine Frage der Autorität. Für Christen führt sie zur Christologie: Wer Jesus Christus ist und wem er seine apostolische Sendung anvertraut hat, bestimmt auch, welche Gemeinschaft den Kanon empfängt, unterscheidet und verbindlich bezeugt.
Im Zusammenhang
Aussage und Kontext
Die Päpstliche Bibelkommission beschreibt für die Anfänge des Christentums eine vergleichsweise klare Sammlung von Tora und Propheten, während die Grenze der übrigen Schriften noch nicht scharf feststand. Das Neue Testament zeigt Vertrautheit mit einem weiteren Kreis jüdischer heiliger Literatur. Frühchristliche Gemeinden im griechischen Sprachraum verwendeten weiterhin Schriften, die sie aus dem hellenistischen Judentum empfangen hatten. Die Kirche übernahm Israels Schriften damit in einer geschichtlichen Phase, in der jüdische Kanonbildung noch im Werden war. Eine spätere engere hebräische Abgrenzung konnte für die Kirche nicht einfach die letzte Entscheidung sein, weil die Kirche inzwischen eine eigenständige apostolische Gemeinschaft geworden war. Daraus folgt keine feindselige Erklärung, nach der Juden Bücher aus bloßer Bosheit oder aus nur einem einzigen Motiv entfernt hätten. Entscheidend ist vielmehr, welche Autorität den christlichen Kanon verbindlich bestimmt: Die rabbinische Gemeinschaft erkennt Jesus nicht als Messias an und teilt nicht das apostolische Selbstverständnis der Kirche. Deshalb kann ihre spätere Grenze der jüdischen Schriften den christlichen Kanon nicht abschließend bestimmen. Die katholische Kirche bewahrt mit ihrem weiteren Kanon eine authentische Erinnerung an die christlichen Ursprünge. Die deuterokanonischen Bücher gehören zu diesem Erbe; Beispiele wie 2 Makk 12,43–46, 2 Makk 15,12–16, Tob 12,12 und Sir 3,30 können ihre theologische Bedeutung erst innerhalb der Kanonfrage sachgemäß eingeordnet werden.
2 Makk 12,43–46
Für Verstorbene wird gebetet und ein Sühnopfer dargebracht.
Bibeltext in der EÜ 2016 öffnen2 Makk 15,12–16
Onias und Jeremia erscheinen als Verstorbene, die für das Volk beten.
Bibeltext in der EÜ 2016 öffnenTob 12,12
Raphael berichtet, er habe das Gebet vor Gott gebracht.
Bibeltext in der EÜ 2016 öffnenSir 3,30
Barmherzigkeit wird mit der Reinigung von Sünde verbunden, nicht mit gekauftem Heil.
Bibeltext in der EÜ 2016 öffnenEinwand und Antwort
Den Einwand prüfen
Vielleicht scheint es naheliegend, den jüdischen Kanon als Maßstab für das Alte Testament zu nehmen. Schließlich stammen die Schriften Israels aus dem Volk Israel, und die Kirche verehrt den Gott Israels.
Katholische Antwort
Die Kirche empfängt Israels Schriften, aber sie empfängt sie im Licht Jesu Christi und innerhalb der apostolischen Überlieferung. Zu Beginn des Christentums waren die Tora und die Propheten vergleichsweise klar umrissen, während die Sammlung der übrigen Schriften noch keine scharf gezogene Grenze hatte. Griechischsprachige Christen verwendeten weiterhin Schriften, die sie aus dem hellenistischen Judentum empfangen hatten. Als sich das Judentum später stärker von einem geschlossenen hebräischen Kanon her bestimmte, war die Kirche bereits eigenständig genug, um ihren Schriftgebrauch aus der apostolischen Überlieferung fortzuführen.
Was die Kirche nicht meint
Inspiration und Kanonerkennung sind verschiedene Fragen. Die Kirche macht ein Buch nicht dadurch inspiriert, dass sie es anerkennt. Sie erkennt in der apostolischen Überlieferung, welche Schriften als inspiriert empfangen und in der Kirche gelesen werden sollen. Daraus folgt keine einfache Geschichte, nach der Juden aus einem einzigen Grund und auf einem einzigen Konzil Bücher aus der Bibel entfernt hätten. Die jüdische Kanonbildung entwickelte sich über längere Zeit. Die Päpstliche Bibelkommission spricht von einer späteren engeren hebräischen Grenze und davon, dass die Kirche ihre weitere Sammlung heiliger Schriften bereits empfangen hatte. Auch die Bibel allein liefert keine vollständige Inhaltsangabe ihrer eigenen Bücher. 2 Tim 3,16 bezeugt die Inspiration und den Nutzen der Schrift, nennt aber kein Inhaltsverzeichnis. Bevor die Schrift als abgeschlossene Regel dienen kann, muss bereits feststehen, welche Bücher als Schrift gelten.
Biblischer Zusammenhang
Die ganze Argumentation
Die Schrift nennt ihre Bücher nicht vollständig
2 Tim 3,16 bezeugt die Inspiration der Schrift, enthält aber keine Liste aller inspirierten Bücher.
Der Kanon wird in der apostolischen Kirche empfangen
Das Neue Testament verbindet schriftliche Offenbarung mit apostolischer Überlieferung und einer sichtbaren Kirche, die verbindliche Lehre unterscheidet und bezeugt.
Die Geschichte des Kanons führt zurück zu Christus und seiner Kirche
Die historische Entwicklung jüdischer und christlicher Schriftensammlungen zeigt, dass die Kirche Israels Schriften in einer Zeit noch nicht vollständig abgeschlossener jüdischer Kanonbildung empfing und ihren weiteren Gebrauch aus der apostolischen Überlieferung fortsetzte.
Quellen und HinweiseKKK 74–1419, 1472–1553 · KKK 101–141
Katechismus
- Katechismus der Katholischen KircheKKK 74–1419, 1472–1553
Offizieller Gesamttext; die verwendeten Themenbereiche sind mit konkreten Absatzangaben verknüpft.
- Katechismus der Katholischen KircheKKK 101–141
Inspiration und Kanon der Schrift.
Konzilien und Lehramt
- Dei VerbumDV 7–10, 21
Lehramtliche Grundlage zu Schrift, Tradition und Lehramt.
- Dei VerbumDV 7–10, 21
Schrift in apostolischer Überlieferung und Kirche.
Kirchliche Fachdokumente
- Das jüdische Volk und seine Heilige Schrift in der christlichen BibelNr. 16–18
Offizielle historische Studie der Päpstlichen Bibelkommission. Sie beschreibt die Entwicklung jüdischer und christlicher Schriftensammlungen und ist an dieser Stelle nicht als dogmatische Definition oder als einzelner bindender Lehramtsakt zu kennzeichnen.
- Das jüdische Volk und seine Heilige Schrift in der christlichen BibelNr. 16–18
Offizielle historische Studie zur Entwicklung jüdischer und christlicher Schriftensammlungen.