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Bibelkanon

Die Frage nach dem Umfang der Bibel ist eine Frage der Autorität. Für Christen führt sie zur Christologie: Wer Jesus Christus ist und wem er seine apostolische Sendung anvertraut hat, bestimmt auch, welche Gemeinschaft den Kanon empfängt, unterscheidet und verbindlich bezeugt.

Von Anfang an

Kernaussage

Die Frage nach dem Umfang der Bibel ist eine Frage der Autorität. Für Christen führt sie zur Christologie: Wer Jesus Christus ist und wem er seine apostolische Sendung anvertraut hat, bestimmt auch, welche Gemeinschaft den Kanon empfängt, unterscheidet und verbindlich bezeugt.

Schlüsselfrage

Wer bestimmt den christlichen Kanon?

Katholische Lesart

Die katholische Kirche empfängt alle 73 Bücher als ihr biblisches Erbe: 46 Bücher des Alten Testaments und 27 Bücher des Neuen Testaments. Eine spätere rabbinische Abgrenzung der jüdischen Schriften kann für die Kirche nicht die letzte Instanz sein, weil das rabbinische Judentum weder Jesus als Messias anerkennt noch die apostolische Autorität der Kirche teilt. Diese Feststellung beschreibt eine Frage verschiedener Autoritäten. Sie ist kein Urteil über das jüdische Volk.

Verstehen

Die Argumentation

Die Schritte bauen aufeinander auf: Jede Bibelstelle beantwortet eine Frage und bereitet die nächste vor.

Kanonfrage

Einwand und Antwort

Der stärkste Einwand

Vielleicht scheint es naheliegend, den jüdischen Kanon als Maßstab für das Alte Testament zu nehmen. Schließlich stammen die Schriften Israels aus dem Volk Israel, und die Kirche verehrt den Gott Israels.

Katholische Antwort

Die Kirche empfängt Israels Schriften, aber sie empfängt sie im Licht Jesu Christi und innerhalb der apostolischen Überlieferung. Zu Beginn des Christentums waren die Tora und die Propheten vergleichsweise klar umrissen, während die Sammlung der übrigen Schriften noch keine scharf gezogene Grenze hatte. Griechischsprachige Christen verwendeten weiterhin Schriften, die sie aus dem hellenistischen Judentum empfangen hatten. Als sich das Judentum später stärker von einem geschlossenen hebräischen Kanon her bestimmte, war die Kirche bereits eigenständig genug, um ihren Schriftgebrauch aus der apostolischen Überlieferung fortzuführen.

Begriffe klären

Was die Kirche nicht meint

  • Inspiration und Kanonerkennung sind verschiedene Fragen. Die Kirche macht ein Buch nicht dadurch inspiriert, dass sie es anerkennt. Sie erkennt in der apostolischen Überlieferung, welche Schriften als inspiriert empfangen und in der Kirche gelesen werden sollen.
  • Daraus folgt keine einfache Geschichte, nach der Juden aus einem einzigen Grund und auf einem einzigen Konzil Bücher aus der Bibel entfernt hätten. Die jüdische Kanonbildung entwickelte sich über längere Zeit. Die Päpstliche Bibelkommission spricht von einer späteren engeren hebräischen Grenze und davon, dass die Kirche ihre weitere Sammlung heiliger Schriften bereits empfangen hatte.
  • Auch die Bibel allein liefert keine vollständige Inhaltsangabe ihrer eigenen Bücher. 2 Tim 3,16 bezeugt die Inspiration und den Nutzen der Schrift, nennt aber kein Inhaltsverzeichnis. Bevor die Schrift als abgeschlossene Regel dienen kann, muss bereits feststehen, welche Bücher als Schrift gelten.

Christliche Traditionen

Lesarten im Vergleich

Die Lehrpositionen stammen aus offiziellen Quellen. Angaben zu heutiger Praxis und innerkonfessionellen Unterschieden stehen nur dort, wo eigene Quellen sie belegen.

Katholisch

Offizielle Lehrposition
73 Bücher, einschließlich deuterokanonischer Bücher; Trient IV bestätigt den Kanon.
Offizielle Quelle ↗

Lutherisch

Offizielle Lehrposition
66 Bücher als kanonische Schriften; Apokryphen werden gesondert geführt.
Offizielle Quelle ↗

Reformiert / calvinistisch

Offizielle Lehrposition
66 Bücher nach WCF; die Schrift ist alleinige unfehlbare Regel.
Offizielle Quelle ↗

Baptistisch

Offizielle Lehrposition
66 Bücher nach BFM 2000 und 1689; Schrift alleinige Regel.
Offizielle Quelle ↗

Methodistisch / wesleyanisch

Offizielle Lehrposition
66 Bücher; die Articles behandeln die Schrift als maßgebliche Quelle für die Heilslehre.
Offizielle Quelle ↗

Anglikanisch

Offizielle Lehrposition
66 Bücher für die Heilslehre; Apokryphen können der Lebensunterweisung dienen.
Offizielle Quelle ↗
Lehrpositionen aus offiziellen Quellen sowie, wo gesondert belegt, heutige Praxis und innerkonfessionelle Unterschiede
TraditionOffizielle LehrpositionQuelle
Katholisch73 Bücher, einschließlich deuterokanonischer Bücher; Trient IV bestätigt den Kanon.Offizielle Quelle ↗
Lutherisch66 Bücher als kanonische Schriften; Apokryphen werden gesondert geführt.Offizielle Quelle ↗
Reformiert / calvinistisch66 Bücher nach WCF; die Schrift ist alleinige unfehlbare Regel.Offizielle Quelle ↗
Baptistisch66 Bücher nach BFM 2000 und 1689; Schrift alleinige Regel.Offizielle Quelle ↗
Methodistisch / wesleyanisch66 Bücher; die Articles behandeln die Schrift als maßgebliche Quelle für die Heilslehre.Offizielle Quelle ↗
Anglikanisch66 Bücher für die Heilslehre; Apokryphen können der Lebensunterweisung dienen.Offizielle Quelle ↗
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Weiterdenken

Die Kanonfrage beginnt deshalb bei Jesus Christus. Ist er der Messias, den die Schriften Israels erwarten? Hat er den Aposteln eine bleibende Sendung gegeben? Wenn die Antwort darauf im christlichen Glauben bejaht wird, gehört die Frage nach der Bibel in den Zusammenhang der apostolischen Kirche. Ihre Autorität steht nicht über dem Wort Gottes. Sie dient ihm, indem sie das überlieferte Wort empfängt, prüft und bezeugt.

Herr Jesus Christus, schenke deiner Kirche Treue zu deinem Wort und Demut vor dem Geheimnis seiner Überlieferung. Lass erkennen, wie Schrift, apostolische Tradition und die sichtbare Gemeinschaft der Kirche zusammengehören. Bewahre vor Verachtung gegenüber dem jüdischen Volk und führe zur Wahrheit über dich, den Messias und Herrn.

Vertiefen

Quellen und HinweiseKKK 101–141

Katechismus

Konzilien und Lehramt

  • Dei VerbumDV 7–10, 21

    Schrift in apostolischer Überlieferung und Kirche.

Kirchliche Fachdokumente