Schrift, Bekenntnis und kirchliche Lehre
Ist Maria immer Jungfrau geblieben?
Jesus wird von einer Jungfrau geboren. Aber warum glaubt die Kirche, dass Maria auch danach Jungfrau blieb? Von den „Brüdern Jesu“ bis zur Ehe mit Josef: Sieben Fragen erschließen die biblischen Texte, die Geschichte und den Sinn dieser Überzeugung.
7 Fragen · Alle Bibelstellen im Wortlaut · Quellen zum Prüfen

Die Schrift erschließt sich in dem Heiligen Geist, in dem sie geschrieben wurde. Ein kurzes Gebet stimmt auf das Lesen ein.
Vor dem LesenBetend lesen
Im Geist hören
Die Heilige Schrift ist Gottes Wort in menschlichen Worten. Wer sie liest, darf um den Geist bitten, der die biblischen Verfasser inspiriert hat und die Kirche in alle Wahrheit führt.
Komm, Heiliger Geist.
Öffne unseren Verstand für Gottes Wort und unser Herz für Christus. Lehre uns, die Heilige Schrift im Glauben der Kirche zu hören, und führe uns dazu, das Erkannte zu leben. Amen.
Im Gebet wird die Schriftlesung zum Gespräch mit Gott.
Bibelzitat, redaktionelle Erläuterung und Gebet bleiben klar unterschieden. Als Heilige Schrift gilt nur der gekennzeichnete Bibeltext; Erläuterungen und Gebete sind redaktionell verantwortet und anhand ihrer Quellen prüfbar.
Zum Weiterlesen:Dei Verbum 12 und 25Verbum Domini 15–16 und 86–87
Immerwährende Jungfräulichkeit Glaube und Überlieferung
Was lehrt die Kirche verbindlich?
Die katholische Kirche lehrt verbindlich, dass Maria vor, in und nach der Geburt Jesu wirklich Jungfrau blieb.
Die Kirche bekennt drei Dinge: Maria empfängt Jesus durch den Heiligen Geist, ohne dass ein Mann ihn zeugt. Sie bringt ihn wirklich zur Welt und bleibt dabei Jungfrau. Auch nach seiner Geburt hat sie keinen ehelichen Verkehr und keine weiteren Kinder. Das ist verbindliche Glaubenslehre, ein Dogma – keine bloße Umschreibung für ein besonders frommes Leben.
Die Bezeichnung „Gottesgebärerin“ erklärt, warum ihre Mutterschaft diesen besonderen Rang hat: Das Kind, das sie zur Welt bringt, ist der ewige Sohn Gottes, der Mensch geworden ist. Maria ist seine Mutter; seine Gottheit hat ihren Ursprung nicht in ihr.
Was bedeutet „Jungfrau in der Geburt“?
Jesus hat einen wirklichen menschlichen Leib und wird wirklich von Maria geboren. Zugleich bekennt die Kirche, dass seine Geburt ihre Jungfräulichkeit bewahrt und heiligt. Beides gehört zusammen. Die Lehre beschreibt damit Gottes Wirken an Maria; sie legt keinen medizinischen Ablauf der Geburt fest.
Das Ja in Nazareth Bibel und Textverständnis
Was zeigt Marias Frage bei der Verkündigung?
Marias Frage und ihr Ja führen unmittelbar zur jungfräulichen Empfängnis Jesu durch den Heiligen Geist.
Maria sagte zu dem Engel: Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne?
Auszug aus Lk 1,34 · EÜ 2016 · © KBA 2016↗
Was der Text unmittelbar zeigt
Maria ist bereits an Josef gebunden und fragt, wie die angekündigte Geburt geschehen soll, da sie keinen Mann erkennt.
Da sagte Maria: Siehe, ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast. Danach verließ sie der Engel.
Auszug aus Lk 1,38 · EÜ 2016 · © KBA 2016↗
Was der Text unmittelbar zeigt
Maria stimmt der angekündigten Mutterschaft zu. Ihr Ja antwortet auf die Zusage des Engels, dass der Heilige Geist an ihr wirken wird.
Maria ist mit Josef verlobt, als der Engel ihre Schwangerschaft ankündigt. Sie fragt, wie dies geschehen soll, da sie keinen Mann erkennt. Der Engel verweist auf das Wirken des Heiligen Geistes und nennt das Kind den Sohn Gottes. Maria antwortet: Sie nimmt Gottes Wort an und stellt sich in seinen Dienst.
Lukas führt Marias Frage zur Antwort des Engels: Dieses Kind kommt durch Gottes Wirken zur Welt. Maria nimmt Gottes Wort an und stellt sich ganz in seinen Dienst; die Theologie liest darin die fortdauernde Berufung zur Jungfräulichkeit. Marias Antwort umfasst ihr ganzes Leben.
Die Zeitgrenze des Wortes Bibel und Textverständnis
Was sagt „bis“ über die Zeit nach Jesu Geburt?
Matthäus beschreibt Josefs Enthaltsamkeit bis zur Geburt, legt mit dieser Zeitgrenze aber keine spätere Handlung fest.
Er erkannte sie aber nicht, bis sie ihren Sohn gebar. Und er gab ihm den Namen Jesus.
Auszug aus Mt 1,25 · EÜ 2016 · © KBA 2016↗
Die Frage an diesen Text
Matthäus nennt den Zeitraum bis zur Geburt Jesu; Josef erkennt Maria bis dahin nicht.
und sie gebar ihren Sohn, den Erstgeborenen. Sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil in der Herberge kein Platz für sie war.
Auszug aus Lk 2,7 · EÜ 2016 · © KBA 2016↗
Welche Folgerung der Text begrenzt
Lukas nennt Jesus bei seiner Geburt den Erstgeborenen.
Matthäus sagt, Josef habe Maria bis zur Geburt Jesu nicht erkannt. „Erkennen“ bezeichnet hier Geschlechtsverkehr. Beim Lesen liegt der Gedanke nahe: Danach lebten sie auch körperlich als Mann und Frau zusammen. Matthäus richtet seinen Satz jedoch auf Jesu Geburt: Josef ist nicht sein leiblicher Vater.
Matthäus richtet seinen Satz auf die Geburt Jesu, und die Zeitangabe heōs hou bezeichnet den Zeitraum bis zu dieser Geburt. Das zeigen zwei Beispiele. In 2 Sam 6,23 heißt es, Michal habe bis zu ihrem Tod kein Kind gehabt; das „bis“ verspricht ihr nicht, dass sie nach ihrem Tod doch noch ein Kind bekommt. Und wenn Jesus in Mt 28,20 seinen Beistand bis zum Ende der Welt zusagt, kündigt das „bis“ nicht an, dass er seine Jünger danach verlässt. Ebenso richtet Matthäus seine Aussage auf den Zeitraum bis zur Geburt Jesu.
Setzt „Erstgeborener“ weitere Kinder voraus?
Der Erstgeborene hat im Gesetz Israels eine besondere Stellung: Er wird Gott geweiht. Darauf bezieht sich Lukas bei Jesu Darstellung im Tempel (Lk 2,22–23). Diese Pflicht entsteht mit der ersten Geburt und wartet nicht auf ein zweites Kind. Auch ein einziger Sohn ist deshalb ein Erstgeborener.
Die griechischen Wörter nachlesen
- ἕως οὗ
- heōs hou · HE-os HU
„bis dahin“
Die Brüder Jesu Bibel und Textverständnis
Sind Jakobus, Josef, Simon und Judas Marias weitere Söhne?
Im Familienzusammenhang liegt der Gedanke an leibliche Geschwister nahe. Für eine genauere Antwort lohnt sich der Vergleich mit anderen Bibelstellen.
Ist das nicht der Sohn des Zimmermanns? Heißt nicht seine Mutter Maria und sind nicht Jakobus, Josef, Simon und Judas seine Brüder?
Auszug aus Mt 13,55 · EÜ 2016 · © KBA 2016↗
Die Frage an diesen Text
Die Leute nennen mehrere Männer „Brüder“ Jesu.
Matthäus nennt Jakobus, Josef, Simon und Judas Jesu Brüder; auch Schwestern werden erwähnt. Das klingt nach Kindern derselben Mutter. Im biblischen Griechisch kann „Bruder“ aber ebenso einen nahen Verwandten bezeichnen: Abraham nennt Lot so, obwohl Lot sein Neffe ist (Gen 13,8; 14,12). Das Wort adelphos lässt beide Möglichkeiten zu. Welche gemeint ist, muss der Zusammenhang zeigen.
In den Passionsberichten erscheint eine Maria als Mutter von Jakobus und Josef beziehungsweise Joses (Mt 27,56; Mk 15,40). Diese Namen begegnen auch bei den Brüdern Jesu. Hier setzt die Erklärung an, dass es sich um Verwandte aus einer anderen Familie handelt. Die Namensgleichheit ist ein Anhaltspunkt für diesen Verwandtschaftskreis. Die Evangelien nennen Maria als Mutter Jesu, und das Wort adelphos bezeichnet im biblischen Sprachgebrauch auch nahe Verwandte, sodass die Brüder Jesu als Verwandte aus dem weiteren Familienkreis erscheinen. Auch Paulus nennt Jakobus „den Bruder des Herrn“ (Gal 1,19; vgl. 1 Kor 9,5) und folgt damit demselben weiten Sprachgebrauch. Bezeichnend ist zudem, dass Markus Jesus „den Sohn der Maria“ nennt (Mk 6,3), während keiner der „Brüder“ Sohn Marias heißt, und dass Matthäus die Mutter von Jakobus und Josef „die andere Maria“ nennt (Mt 28,1; KKK 500).
Die griechischen Wörter nachlesen
- ἀδελφός
- adelphos · a-del-FOS
„Bruder, naher Verwandter im jeweiligen Kontext“
Die Anvertrauung am Kreuz Bibel und Textverständnis
Warum vertraut Jesus seine Mutter dem Jünger an?
Unter dem Kreuz stiftet Jesus zwischen seiner Mutter und dem geliebten Jünger eine konkrete Beziehung gegenseitiger Sorge.
Als Jesus die Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er liebte, sagte er zur Mutter: Frau, siehe, dein Sohn! Dann sagte er zu dem Jünger: Siehe, deine Mutter! Und von jener Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.
Auszug aus Joh 19,26–27 · EÜ 2016 · © KBA 2016↗
Die Frage an diesen Text
Jesus vertraut Maria und den geliebten Jünger einander an.
Johannes berichtet, dass Jesus zu Maria sagt: „Frau, siehe, dein Sohn!“ und zum geliebten Jünger: „Siehe, deine Mutter!“ Von jener Stunde an nimmt der Jünger sie zu sich. Der unmittelbare Sinn ist eine konkrete Fürsorge unter dem Kreuz. Der Jünger empfängt darin zugleich eine neue Form treuer Nachfolge: Er nimmt Jesu Wort an und handelt danach.
Hätte Maria weitere Söhne gehabt, wäre es naheliegend gewesen, dass sie für ihre Mutter sorgen. Jesus überträgt diese Aufgabe einem Jünger und nennt ihn ihren Sohn. Darin liegt ein Hinweis darauf, dass Jesus Marias einziger Sohn ist.
Für Jesu Wahl wird auch eine andere Erklärung angeführt: Nach Joh 7,5 glauben seine Brüder damals noch nicht an ihn. Der geliebte Jünger dagegen bleibt bei Jesus, selbst unter dem Kreuz. Seine Treue kann erklären, warum Jesus gerade ihm seine Mutter anvertraut. Zugleich gibt Jesus ihm mit den Worten „Siehe, deine Mutter!“ eine neue Aufgabe: Er soll Maria als Sohn zur Seite stehen.
Der Glaube der Konzilien Glaube und Überlieferung
Seit wann bekennt die Kirche Maria als immerwährende Jungfrau?
Spätestens im vierten Jahrhundert ist der Glaube an Marias bleibende Jungfräulichkeit ausdrücklich bezeugt. Konzilien greifen dieses Bekenntnis auf.
Hieronymus
Jeder einzige Sohn ist ein Erstgeborener, aber nicht jeder Erstgeborene ist ein einziger Sohn. Unter Erstgeborenem verstehen wir nicht nur den, dem andere folgen, sondern den, dem keiner vorangegangen ist.
Die immerwährende Jungfräulichkeit Marias – Gegen Helvidius · Contra Helvidium 6; 10; 13 · Primärtext↗Um 383 antwortet Hieronymus Helvidius, der aus dem „bis“ in Matthäus 1,25, dem Titel „Erstgeborener“ und den „Brüdern Jesu“ gegen die immerwährende Jungfräulichkeit Marias argumentierte; Hieronymus erwidert scharf und polemisch.
Einordnung der Quelle
Der Text zeigt: Hieronymus bezeugt, dass die Einwände aus Mt 1,25, „Erstgeborener“ und den „Brüdern Jesu“ um 383 ausdrücklich diskutiert und widerlegt wurden.
Die Grenze: Hieronymus erklärt die „Brüder“ als Vettern Jesu und lehnt die andere alte Erklärung ab, nach der sie Kinder Josefs aus einer früheren Ehe sind; diese zweite Erklärung ist bis heute in der Ostkirche verbreitet. Beide Erklärungen halten fest, dass Jesus der einzige Sohn Marias ist; die Kirche lässt die genaue Verwandtschaftsstufe offen (KKK 500).
Quelle im Zusammenhang lesen
Worum es hier geht
Um 383 antwortet Hieronymus in Rom auf die Schrift des Helvidius, der aus dem „erkannte sie nicht, bis sie gebar“ (Mt 1,25), dem Titel „Erstgeborener“ und den „Brüdern Jesu“ gegen die immerwährende Jungfräulichkeit Marias argumentierte. Die Schrift ist ausdrücklich eine polemische Streitschrift.
Historischer Text
Unsere Antwort ist kurz: Die Wörter „erkannte“ und „bis“ sind in der Sprache der Heiligen Schrift fähig zu doppelter Bedeutung. ... Unser Standpunkt ist dieser: Jeder einzige Sohn ist ein Erstgeborener, aber nicht jeder Erstgeborene ist ein einziger Sohn. Unter Erstgeborenem verstehen wir nicht nur den, dem andere folgen, sondern den, dem keiner vorangegangen ist. ... Die einzige Folgerung ist, dass die Maria, die als Mutter des kleinen Jakobus beschrieben wird, die Frau des Alphaeus und Schwester der Mutter des Herrn war, die vom Evangelisten Johannes Maria von Kleopas genannt wird.
Vollständigen historischen Text öffnen: HieronymusWarum diese Stelle wichtig ist
Hieronymus belegt, dass die klassischen Einwände aus Mt 1,25, „Erstgeborener“ und den „Brüdern Jesu“ bereits um 383 ausdrücklich vorgebracht und beantwortet wurden.
- um 383
Hieronymus antwortet Helvidius
Schon damals geht es um dieselben Bibelstellen wie heute. Hieronymus erklärt die Brüder Jesu als Verwandte und verteidigt Marias bleibende Jungfräulichkeit als Glauben der Kirche. Seine polemische Schrift bezeugt diese Überzeugung und den Streit darüber.
- 553
Ein ökumenisches Konzil bekennt den Glauben
Das Zweite Konzil von Konstantinopel nennt Maria in seinem sechsten Anathema ausdrücklich immerwährende Jungfrau. Der Titel steht im Zusammenhang der Lehre über Christus: Der ewige Sohn Gottes ist wirklich aus ihr Mensch geworden.
- 649
Die drei Hinsichten werden ausdrücklich genannt
Die römische Synode von 649 ist eine regionale Bischofsversammlung unter Papst Martin I. Ein ökumenisches Konzil dagegen vertritt die Gesamtkirche; seine Beschlüsse werden vom Papst bestätigt oder angenommen. Die Synode bekennt in Kanon 3 Marias Jungfräulichkeit vor, in und nach der Geburt. Damit präzisiert sie das bereits 553 bezeugte Bekenntnis. Der heutige Katechismus greift diese Formulierung auf und legt sie als verbindlichen Glauben der Kirche dar.
Was sagt das Glaubensbekenntnis über Maria?
Das Nizäno-Konstantinopolitanische Glaubensbekenntnis spricht von Christi Menschwerdung aus Maria, der Jungfrau. Sein Thema ist Jesu Herkunft durch den Heiligen Geist. Marias bleibende Jungfräulichkeit sprechen die genannten Konzils- und Synodentexte ausdrücklich aus; beide Aussagen gehören zusammen.
Quellen zu dieser Frage 5
- Contra Helvidium, Kap. 6, 10, 13Die immerwährende Jungfräulichkeit Marias – Gegen Helvidius ↗
- Anathema 6Zweites Konzil von Konstantinopel ↗
- DS 503, Kanon 3Denzinger-Schönmetzer 503: Römische Synode von 649 ↗
- KKK 194, 195, 499–501, 510Katechismus der Katholischen Kirche ↗
- LG 22: Bedeutung eines ökumenischen KonzilsLumen gentium ↗
Gnade prägt ein Leben Glaube und Überlieferung
Warum hält die Kirche an Marias bleibender Jungfräulichkeit fest?
Die Kirche sieht in Maria, wie Gottes Gnade ein ganzes Leben prägt: Sie empfängt Christus und bleibt seiner Sendung ungeteilt verbunden.
Der biblische Anfang ist klar: Jesus kommt durch Gottes Wirken zur Welt. Für die Kirche ist Marias Mutterschaft damit eine einzigartige Berufung, die ihr ganzes Leben umfasst. Sie glaubt an ihre bleibende Jungfräulichkeit, weil sie diese als Teil des überlieferten Glaubens empfangen hat. Die theologischen Gründe machen verständlich, warum diese Lebensform zu ihrer Mutterschaft passt.
Johannes Paul II. verbindet beides: Er versteht Marias Frage bei der Verkündigung als Ausdruck eines Willens zur Jungfräulichkeit, der fortdauert. Die Mutter des Sohnes Gottes bleibt ganz seiner Erlösungssendung zugeordnet. Das ist eine Auslegung im Zusammenhang des kirchlichen Glaubens, die den Vers im Licht des überlieferten Schriftzeugnisses liest. So versteht die Kirche Marias bleibende Jungfräulichkeit als Werk der Gnade Christi; offen bleibt, worin diese Gnade an Maria greift, bevor sie selbst antwortet. Weil Gott Maria zur Mutter des Erlösers erwählt hat, reicht diese Gnade bis an den Anfang ihres Lebens zurück: Christus bewahrt Maria vom ersten Augenblick ihrer Empfängnis an vor der Erbsünde.
Warum passt die bleibende Jungfräulichkeit zu ihrer Mutterschaft?
Thomas von Aquin begründet diese Angemessenheit unter anderem mit einer Entsprechung: Wie Christus der einzige Sohn des Vaters ist, so ist er auch der einzige Sohn seiner Mutter. Dazu kommt die besondere Hingabe Marias und Josefs an das ihnen anvertraute Geheimnis. Diese Gründe erschließen den Sinn des empfangenen Glaubens.
Wie kann das eine wirkliche Ehe sein?
Maria und Josef gehören einander in treuer ehelicher Liebe. Gemeinsam nehmen sie Jesus auf, sorgen für ihn und begleiten ihn. Josef übernimmt durch die Ehe mit Maria die Aufgabe seines Vaters, ohne ihn gezeugt zu haben. Redemptoris custos beschreibt diese Gemeinschaft als wirkliche Selbsthingabe beider – ihre Berufungen tragen einander.
Auch die körperliche Gemeinschaft von Mann und Frau ist nach kirchlicher Lehre gut. Sie drückt ihre Liebe aus und ist auf neues Leben hingeordnet. Bei Maria und Josef nimmt die gemeinsame Liebe eine besondere Gestalt an: Ihr Familienleben dient dem Sohn, den Gott ihnen anvertraut. Ihre jungfräuliche Ehe macht die gewöhnliche Ehe weder unrein noch wertlos.
Was sagt das über die Kirche und den Glauben?
Die Kirche erkennt in Maria ihr eigenes Vorbild: Sie empfängt Gottes Wort im Glauben und bringt durch seine Gnade neues Leben hervor. „Jungfräulich“ meint dabei ihre Treue zu Christus, „mütterlich“ ihre Aufgabe, Menschen durch Verkündigung und Taufe zum Leben mit ihm zu führen. Maria zeigt beides in ihrer eigenen Person.
Diese geistliche Bedeutung erklärt, weshalb die Frage für Katholiken über Marias Sexualleben hinausreicht. Sie berührt Christus, der sein Menschsein wirklich von ihr empfängt, und die Gnade, der ein Mensch sich ganz anvertrauen kann. Die Lehre erhält ihren Rang aus der Menschwerdung: Sie ist auf dieses zentrale Geheimnis bezogen und gehört verbindlich zum Glauben. Das Bild der Kirche erklärt ihren Sinn; es ersetzt die Begründung von Marias konkreter Jungfräulichkeit nicht.