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Bibelkanon

Wie die Kirche den Kanon erkennt

Die Bibel ist eine Sammlung von Büchern. Welche Bücher als Heilige Schrift gelten, ist eine Frage, die über die Einsicht des Einzelnen hinausgeht. Die Kirche erkennt den Kanon in der apostolischen Überlieferung: „Durch dieselbe Überlieferung wird der Kirche der vollständige Kanon der Heiligen Bücher bekannt“ (DV 8); sie ließ die Kirche unterscheiden, welche Schriften in das Verzeichnis der heiligen Bücher aufgenommen werden sollten (KKK 120).

3 Fragen · Alle Bibelstellen im Wortlaut · Quellen zum Prüfen

Ein offener Kodex ist von vielen gesammelten Seiten umgeben; darunter reichen Apostel eine kleine Flamme zur leuchtenden Christusgestalt weiter.
BibelkanonKI-generierte Illustration
Vor dem LesenBetend lesen

Im Geist hören

Die Heilige Schrift ist Gottes Wort in menschlichen Worten. Wer sie liest, darf um den Geist bitten, der die biblischen Verfasser inspiriert hat und die Kirche in alle Wahrheit führt.

Komm, Heiliger Geist.

Öffne unseren Verstand für Gottes Wort und unser Herz für Christus. Lehre uns, die Heilige Schrift im Glauben der Kirche zu hören, und führe uns dazu, das Erkannte zu leben. Amen.

Im Gebet wird die Schriftlesung zum Gespräch mit Gott.

Bibelzitat, redaktionelle Erläuterung und Gebet bleiben klar unterschieden. Als Heilige Schrift gilt nur der gekennzeichnete Bibeltext; Erläuterungen und Gebete sind redaktionell verantwortet und anhand ihrer Quellen prüfbar.

Zum Weiterlesen:Dei Verbum 12 und 25Verbum Domini 15–16 und 86–87

Das Zeugnis der Bücher Bibel und Textverständnis

Die Schrift bezeugt ihre göttliche Herkunft, und die Kirche wird als Ort der Wahrheit genannt

Die beiden angeführten Stellen berühren zwei verschiedene Ebenen: das Zeugnis eines Buches über sich selbst und die Gemeinschaft, die die Wahrheit trägt.

Jede Schrift ist, als von Gott eingegeben, auch nützlich zur Belehrung, zur Widerlegung, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit.

Auszug aus 2 Tim 3,16 · EÜ 2016 · © KBA 2016

Was die Stelle zum Argument beiträgt

Die Schrift ist von Gott eingegeben; der Vers nennt keine vollständige Inhaltsübersicht des Kanons.

2 Tim 3,16: Zusammenhang und Übersetzung

Dass 2 Timotheus 3,16 die göttliche Herkunft der Schrift bezeugt, aber kein Verzeichnis ihrer Bücher enthält, hat der erste Schritt dieses Unterthemas gezeigt. Hier geht es um die Frage, wer den gemeinsamen Bestand der heiligen Bücher für alle feststellt.

Falls ich aber länger ausbleibe, sollst du wissen, wie man sich im Haus Gottes verhalten muss, welches die Kirche des lebendigen Gottes ist, Säule und Fundament der Wahrheit.

Auszug aus 1 Tim 3,15 · EÜ 2016 · © KBA 2016

Was die Stelle zum Argument beiträgt

Die Kirche wird Säule und Fundament der Wahrheit genannt.

1 Tim 3,15: Zusammenhang und Übersetzung

1 Timotheus 3,15 weitet den Blick von der einzelnen Schrift auf die Gemeinschaft: Die Kirche heißt dort das Haus des lebendigen Gottes, die Säule und das Fundament der Wahrheit. Damit treten schon im Neuen Testament zwei Ebenen hervor: ein Buch, das seine göttliche Herkunft bezeugt, und eine Gemeinschaft, die die Wahrheit bewahrt und trägt. Die Frage nach dem Kanon – dem verbindlichen Bestand der heiligen Bücher – reicht darum über die Einsicht in ein einzelnes Buch hinaus.

Empfang des überlieferten Bestands Glaube und Überlieferung

Die Kirche empfängt und anerkennt den überlieferten Bestand, sie erschafft ihn nicht

Wie die Kirche diese Stellen liest – und was Florenz und Trient öffentlich ausgesprochen haben.

Die Kirche liest die Selbstbezeugung der Schrift und das Wort von der Kirche als Trägerin der Wahrheit zusammen. Sie versteht den Kanon als einen Bestand, den sie empfängt, bewahrt und weitergibt (Dei Verbum, die Konstitution über die göttliche Offenbarung, DV 7–10 und 21; Katechismus der Katholischen Kirche, KKK 74–100 und 120). Den Grund nennt das Konzil selbst: Der Kirche gelten „aufgrund apostolischen Glaubens“ die Bücher des Alten wie des Neuen Testamentes „in ihrer Ganzheit mit allen ihren Teilen als heilig und kanonisch, weil sie, unter der Einwirkung des Heiligen Geistes geschrieben (…), Gott zum Urheber haben und als solche der Kirche übergeben sind“ (DV 11; KKK 105).

Die frühe Kanongeschichte kennt eine Rezeption, also die Aufnahme und Annahme der heiligen Bücher, lange bevor eine Liste öffentlich ausgesprochen wurde. Athanasius bezeugt in seinem 39. Festbrief einen abgeschlossenen Kanon; Augustinus bezeugt den breiteren westkirchlichen Kanon (De doctrina christiana II,8). Gestritten wurde besonders um die deuterokanonischen Bücher, die in der engeren hebräischen Sammlung fehlen und in der Kirche als heilig gelesen werden. Das Konzil von Florenz, ein ökumenisches Konzil, legte 1442, also vor der Reformation, im Dekret für die Jakobiten die vollständige Liste der heiligen Bücher als Bekenntnis der Kirche vor (DH 1334–1336; vgl. KKK 120). Das Konzil von Trient hat dieselbe Liste 1546 in der Auseinandersetzung mit der Reformation feierlich definiert: Seitdem ist verbindliche Glaubenslehre, dass die Kirche diese Bücher vollständig als heilig und kanonisch empfängt (DH 1501–1504).

  • Kirchenlehrer367

    Athanasius

    Diese sind Quellen des Heils; in ihnen allein wird die Lehre der Frömmigkeit verkündet. Niemand soll ihnen etwas hinzufügen oder etwas von ihnen wegnehmen.

    Festbriefe · 39. Festbrief, §§4–7 (367) · Primärtext

    Athanasius bezeichnet die von ihm aufgeführten Schriften als Quellen des Heils und grenzt sie als maßgebliche Schriften gegen Zusätze und Wegnahmen ab.

    Einordnung der Quelle

    Der Text zeigt: Athanasius nennt 367 genau die 27 Bücher des Neuen Testaments; im Alten Testament rechnet er Baruch und den Brief zum Kanon und stellt Ester zu den Lesebüchern.

    Die Grenze: Seine Liste des Alten Testaments deckt sich weder mit dem späteren katholischen noch mit dem protestantischen Kanon.

    Quelle im Zusammenhang lesen

    Worum es hier geht

    Athanasius ordnet in seinem 39. Festbrief die Schriften, die in der Kirche als göttliche Bücher anerkannt werden. Danach unterscheidet er Bücher außerhalb des Kanons, die den neu Hinzukommenden zur Lektüre empfohlen werden.

    Historischer Text

    Es sind zweiundzwanzig Bücher des Alten Testaments: Genesis, Exodus, Levitikus, Numeri, Deuteronomium, Josua, Richter, Rut, die vier Bücher der Könige, die zwei Bücher der Chronik, Esra, Nehemia, Psalmen, Sprichwörter, Kohelet, Hohelied, Ijob, die zwölf Propheten als ein Buch, Jesaja, Jeremia mit Baruch, Klagelieder und dem Brief, Ezechiel und Daniel. Die Bücher des Neuen Testaments sind die vier Evangelien, die Apostelgeschichte, die sieben katholischen Briefe, die vierzehn Briefe des Paulus und die Offenbarung des Johannes. Diese sind Quellen des Heils; in ihnen allein wird die Lehre der Frömmigkeit verkündet. Niemand soll ihnen etwas hinzufügen oder etwas von ihnen wegnehmen. Daneben gibt es andere Bücher, die nicht zum Kanon gehören, sondern von den Vätern zur Lektüre für diejenigen bestimmt wurden, die neu zu uns kommen und in der Lehre der Frömmigkeit unterrichtet werden wollen: die Weisheit Salomos, die Weisheit Jesu Sirachs, Ester, Judit, Tobit, die Lehre der Apostel und der Hirt.

    Warum diese Stelle wichtig ist

    Athanasius zeigt eine weit entwickelte, aber nicht einfach mit dem späteren katholischen Alten Testament identische Kanonordnung. Besonders wichtig ist seine sichtbare Unterscheidung zwischen kanonischen Büchern und Büchern, die zur Lektüre empfohlen werden.

    Quelle
    Festbriefe · 39. Festbrief, §§4–7 (367)
    Textfassung und Rechte
    Eigene Übersetzung aus dem Griechischen und der überlieferten Textfassung; verglichen mit der englischen Übersetzung der Reihe Nicene and Post-Nicene Fathers (1892). Der antike Text und die englische Übersetzung sind gemeinfrei; der Link führt zu einer deutschen Übersetzung von 1837 in der Bibliothek der Kirchenväter.
    Vollständigen historischen Text öffnen: Athanasius
  • Kirchenlehrer397

    Augustinus

    Der ganze Kanon der Schrift umfasst im Alten Testament unter anderem Ijob, Tobit, Ester, Judit, die zwei Bücher der Makkabäer und die Bücher Esra; zu den prophetischen Büchern gehören außerdem Weisheit und Jesus Sirach, da sie als maßgeblich anerkannt sind.

    Über die christliche Lehre · De doctrina christiana II,8,12–13 · Primärtext

    Augustinus nennt im Alten Testament unter anderem Ijob, Tobit, Ester, Judit, die zwei Bücher der Makkabäer und die Bücher Esra.

    Einordnung der Quelle

    Der Text zeigt: Augustinus führt eine alttestamentliche Kanonliste mit Tobit, Ester, Judit, den Makkabäern, Weisheit und Jesus Sirach als maßgeblichen Schriften an.

    Die Grenze: Augustinus urteilt als einzelner Bischof; Maßstab ist ihm das Ansehen der katholischen Kirchen, besonders der Apostelsitze.

    Quelle im Zusammenhang lesen

    Worum es hier geht

    Augustinus legt in seiner Schrift über die christliche Lehre Kriterien für den Umgang mit den kanonischen Schriften vor. Er verbindet die Rezeption der katholischen Kirchen mit einer konkreten, breiteren alttestamentlichen Liste.

    Historischer Text

    Was die kanonischen Schriften betrifft, muss der Ausleger dem Urteil der größeren Zahl katholischer Kirchen folgen; unter diesen sind besonders jene zu achten, die den Sitz eines Apostels hatten und Briefe empfingen. Er soll die Schriften bevorzugen, die von allen katholischen Kirchen angenommen werden, gegenüber denen, die einige nicht annehmen. […] Der ganze Kanon der Schrift umfasst im Alten Testament unter anderem Ijob, Tobit, Ester, Judit, die zwei Bücher der Makkabäer und die Bücher Esra; zu den prophetischen Büchern gehören außerdem Weisheit und Jesus Sirach, da sie als maßgeblich anerkannt sind. Das Neue Testament umfasst die vier Evangelien, die Briefe des Paulus, die katholischen Briefe, die Apostelgeschichte und die Offenbarung des Johannes.

    Warum diese Stelle wichtig ist

    Augustinus bezeugt die kirchliche Rezeption als Kriterium für die Anerkennung des Kanons und nennt eine breite alttestamentliche Liste. Damit ist die kanonische Frage in der frühen Kirche als kirchliche Unterscheidungsaufgabe sichtbar.

    Quelle
    Über die christliche Lehre · De doctrina christiana II,8,12–13
    Textfassung und Rechte
    Eigene Übersetzung aus dem Lateinischen; verglichen mit der englischen Übersetzung der Reihe Nicene and Post-Nicene Fathers (1887). Der lateinische Text und die englische Übersetzung sind gemeinfrei; der Link führt zur deutschen Übersetzung der Bibliothek der Kirchenväter.
    Vollständigen historischen Text öffnen: Augustinus
Quellen zu dieser Frage 7

Erkenntnis ohne kirchliche Entscheidung Glaube und Überlieferung

Können die Bücher und das innere Zeugnis des Geistes den Kanon ohne kirchliche Entscheidung erkennen lassen?

Reicht die Selbstbezeugung der Bücher und das innere Zeugnis des Heiligen Geistes, um den Kanon zu erkennen?

Ein inspiriertes Buch trägt seine göttliche Herkunft in sich, und der Heilige Geist schenkt dem Gläubigen die innere Gewissheit, welche Schriften Gottes Wort sind. Die Confessio Belgica, ein reformiertes Bekenntnis, nimmt die biblischen Bücher als heilig und kanonisch an, nicht so sehr, weil die Kirche sie annimmt und gutheißt, sondern vor allem, weil der Heilige Geist in den Herzen bezeugt, dass sie von Gott sind (Art. 5). Die kirchliche Anerkennung könne den Kanon deshalb weder begründen noch verbindlich machen.

Selbstbezeugung und inneres Zeugnis erklären, wie ein einzelner Gläubiger die Autorität einer Schrift erkennt. Das Bekenntnis beansprucht dieses Zeugnis aber ausdrücklich auch für den Umfang des Kanons, und in der Geschichte hat es keine gemeinsame Liste hervorgebracht: Über den Jakobusbrief, den Judasbrief und den zweiten Petrusbrief wurde in der frühen Kirche lange gestritten (Eusebius, Kirchengeschichte III,25). Augustinus bekennt, er würde dem Evangelium keinen Glauben schenken, wenn ihn nicht die Autorität der katholischen Kirche dazu bewöge (KKK 119). Selbstbezeugung und inneres Zeugnis erfüllen darum nicht dieselbe Aufgabe wie die öffentliche Anerkennung eines gemeinsamen Kanons: Die Kirche muss als sichtbare Gemeinschaft bezeugen, welche Schriften sie gemeinsam als heilig empfängt und in ihrem Leben verbindlich gebraucht. Die Liste der Bücher kommt aus der Überlieferung, die die Kirche empfängt und bezeugt. Florenz und Trient stehen für diese Anerkennung und Definition, nicht für die Erschaffung der Bücher. Die öffentliche Entscheidung ersetzt weder die göttliche Inspiration noch das Wirken des Heiligen Geistes; sie klärt den gemeinsamen Bestand der Kirche.

Quellen zu dieser Frage 7
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