SCRIPTURA PLENA

Scriptura Plena

FaithOSUnterstützenImpressumDatenschutz

Bibelkanon

Die Geschichte des Kanons führt zurück zu Christus und seiner Kirche

Der Kanon ist der Bestand der Bücher, die die Kirche als heilige Schrift liest. Seine Geschichte beginnt bei den Schriften Israels und führt über die frühen Christen, die sie empfangen haben, bis zu den verbindlichen Entscheidungen der Kirche. Dieser Weg beginnt bei vier Schriftstellen aus Büchern, deren Zugehörigkeit zum Kanon geschichtlich geklärt werden musste, fragt dann nach der Lehre der Kirche über Rezeption und Definition und prüft zuletzt eine verbreitete Erklärung dieser Geschichte.

4 Fragen · Alle Bibelstellen im Wortlaut · Quellen zum Prüfen

Ein offener Kodex ist von vielen gesammelten Seiten umgeben; darunter reichen Apostel eine kleine Flamme zur leuchtenden Christusgestalt weiter.
BibelkanonKI-generierte Illustration
Vor dem LesenBetend lesen

Im Geist hören

Die Heilige Schrift ist Gottes Wort in menschlichen Worten. Wer sie liest, darf um den Geist bitten, der die biblischen Verfasser inspiriert hat und die Kirche in alle Wahrheit führt.

Komm, Heiliger Geist.

Öffne unseren Verstand für Gottes Wort und unser Herz für Christus. Lehre uns, die Heilige Schrift im Glauben der Kirche zu hören, und führe uns dazu, das Erkannte zu leben. Amen.

Im Gebet wird die Schriftlesung zum Gespräch mit Gott.

Bibelzitat, redaktionelle Erläuterung und Gebet bleiben klar unterschieden. Als Heilige Schrift gilt nur der gekennzeichnete Bibeltext; Erläuterungen und Gebete sind redaktionell verantwortet und anhand ihrer Quellen prüfbar.

Zum Weiterlesen:Dei Verbum 12 und 25Verbum Domini 15–16 und 86–87

Umstrittene Bücher Bibel und Textverständnis

Die vier angeführten Stellen stehen in Büchern, deren Zugehörigkeit zum Kanon geklärt werden musste

2 Makk 12,43–45, 2 Makk 15,12–16, Tob 12,12 und Sir 3,30 stammen aus Büchern, über die in der Kanongeschichte gestritten wurde. Ihr Inhalt zeigt, worum es in diesem Streit geht.

Vers 43: Er veranstaltete eine Sammlung, an der sich alle beteiligten, und schickte etwa zweitausend Silberdrachmen nach Jerusalem, damit man dort ein Sündopfer darbringe. Damit handelte er sehr schön und edel; denn er dachte an die Auferstehung.

Vers 44: Denn hätte er nicht erwartet, dass die Gefallenen auferstehen werden, wäre es überflüssig und sinnlos gewesen, für die Toten zu beten.

Vers 45: Auch hielt er sich den herrlichen Lohn vor Augen, der für die hinterlegt ist, die in Frömmigkeit entschlafen. Ein heiliger und frommer Gedanke! Darum ließ er die Toten entsühnen, damit sie von der Sünde befreit werden.

Auszug aus 2 Makk 12,43–45 · EÜ 2016 · © KBA 2016

Was die Stelle zum Argument beiträgt

Judas lässt Sühnopfer darbringen und betet für die Gefallenen im Blick auf die Auferstehung.

2 Makk 12,43–45: Zusammenhang und Übersetzung

Onias begann zu reden und sagte: Das ist der Freund seiner Brüder, der viel für das Volk und die heilige Stadt betet, Jeremia, der Prophet Gottes.

Auszug aus 2 Makk 15,12–16 · EÜ 2016 · © KBA 2016

Was die Stelle zum Argument beiträgt

Jeremia erscheint als Fürsprecher für das Volk und die heilige Stadt.

2 Makk 15,12–16: Zusammenhang und Übersetzung

Als ihr gebetet habt, du und Sara, war ich es, der euer Gebet vor die Herrlichkeit des Herrn getragen hat.

Auszug aus Tob 12,12 · EÜ 2016 · © KBA 2016

Was die Stelle zum Argument beiträgt

Rafaël trägt das Gebet Tobits und Saras vor die Herrlichkeit des Herrn.

Tob 12,12: Zusammenhang und Übersetzung

Wasser löscht loderndes Feuer und eine Liebestat sühnt Sünden.

Auszug aus Sir 3,30 · EÜ 2016 · © KBA 2016

Was die Stelle zum Argument beiträgt

Wie Wasser loderndes Feuer löscht, so sühnt eine Liebestat Sünden.

Sir 3,30: Zusammenhang und Übersetzung

2 Makk 12,43–45 erzählt von Judas Makkabäus, der für gefallene Gefährten ein Sündopfer darbringen lässt und dabei, wie der Text selbst festhält, im Blick auf die Auferstehung handelt. 2 Makk 15,12–16 gibt einen Traum wieder, den Judas seinen Leuten erzählt: Ihm erschienen der frühere Hohepriester Onias, der für das ganze jüdische Volk betete, und der Prophet Jeremia, „der viel für das Volk und die heilige Stadt betet“. Tob 12,12 lässt den Engel Rafaël bezeugen, dass er das Gebet Tobits und Saras vor die Herrlichkeit des Herrn getragen hat; vom Wert des Almosens spricht er kurz zuvor (Tob 12,8–9). Sir 3,30 sagt, dass eine Liebestat Sünden sühnt. Diese vier Stellen bezeugen das Gebet und die Sühne für die Verstorbenen, die Fürbitte der Gerechten vor Gott und die sühnende Kraft von Almosen und Liebestat.

Damit wird sichtbar, was bei der Ordnung der heiligen Bücher auf dem Spiel steht: Wer den Bestand festlegt, legt mit fest, welche Texte als Gottes Wort gelesen werden. Diese Themen stehen in Büchern, die nicht von Anfang an unbestritten zum Kanon gehörten. Die Frage nach dem Kanon berührt darum den Textbestand, aus dem die Kirche lebt.

Rezeption und verbindliche Definition Glaube und Überlieferung

Die Kirche hat die heiligen Bücher in geschichtlicher Überlieferung empfangen und ihre Ordnung schrittweise geklärt

Athanasius und Augustinus bezeugen beide ein festes Verzeichnis heiliger Bücher; ihre Listen des Alten Testaments unterscheiden sich aber. Deshalb unterscheidet die Kirche die geschichtliche Rezeption von der verbindlichen Definition der Bücher.

Die frühe Kanongeschichte zeigt eine wirkliche Rezeption, also die Aufnahme und Annahme der heiligen Bücher. Diese Rezeption nahm regional unterschiedliche Gestalt an und wurde im Lauf der Zeit geklärt. Schon im zweiten und dritten Jahrhundert stehen eine Zählung nach dem hebräischen Bestand und der Gebrauch weiterer Bücher nebeneinander. Melito von Sardes reiste um 170 in den Orient, zog über die Bücher des Alten Testaments genaue Erkundigungen ein und nennt eine Liste ohne Ester; mit „Salomons Sprüche oder Weisheit“ meint er die Sprichwörter, nicht das Buch der Weisheit (Eusebius, Kirchengeschichte IV,26). Origenes zählt nach der Überlieferung der Hebräer zweiundzwanzig Bücher, rechnet Jeremia mit den Klageliedern und dem Brief als ein Buch und nennt die Geschichte der Makkabäer außerhalb dieser Zahl (Eusebius, Kirchengeschichte VI,25). Derselbe Origenes verteidigt um 240 in seinem Brief an Julius Africanus die Erzählung von Susanna, die in jeder Kirche Christi in der griechischen Fassung gelesen werde, und weist es zurück, die in den Kirchen gebrauchten Abschriften zu verwerfen und sich von den Juden andere geben zu lassen (Brief an Africanus 2–5). Beides gehört in dieselbe Zeit, oft zu demselben Mann; die Kirchen lasen diese Bücher, lange bevor eine Lehrentscheidung sie benannte. Athanasius unterscheidet zwischen kanonischen Büchern und Büchern, die zur Lesung bestimmt sind. Augustinus bezeugt einen breiteren alttestamentlichen Kanon einschließlich der deuterokanonischen Bücher, also der Bücher, die in der engeren hebräischen Sammlung fehlen und in der Kirche doch als heilige Schrift gelesen werden; dazu nennt er als Maßstab das Ansehen der großen Mehrzahl der katholischen Kirchen, besonders derer, die einen Apostelsitz innehatten und Apostelbriefe empfingen; Schriften, die alle katholischen Kirchen annehmen, gehen denen vor, die nicht alle annehmen (De doctrina christiana II,8,12). Diese Vielfalt widerlegt den Gedanken eines von Anfang an überall gleich formulierten Verzeichnisses. Sie zeigt zugleich, dass die Kirche die heiligen Bücher in einer geschichtlichen Überlieferung empfangen und ihre gemeinsame Ordnung schrittweise deutlicher erkannt hat.

Zwischen Augustinus und dem Konzil von Florenz stehen die ersten kirchlichen Listen des Westens. Die Synode von Hippo 393 und die Synoden von Karthago 397 und 419 zählen zu den kanonischen Schriften auch Tobit, Judit, die zwei Bücher der Makkabäer und die fünf Bücher Salomos, zu denen nach damaliger Zählung die Weisheit und Jesus Sirach gehörten. Die Synode von 419 sandte diesen Kanon an Bischof Bonifatius von Rom und die übrigen Bischöfe, damit sie ihn bestätigten, denn diese Schriften habe man von den Vätern empfangen, um sie in der Kirche zu lesen (Karthago, Kanon 24). Dieselben Bücher führt Papst Innozenz I. im Jahr 405 in seinem Brief an Bischof Exsuperius von Toulouse an. Eine römische Liste, die einer Synode unter Papst Damasus im Jahr 382 zugeschrieben und im sogenannten Decretum Gelasianum überliefert ist, nennt der Katechismus ebenfalls (DS 179; vgl. KKK 120); ihre Echtheit und Datierung sind umstritten.

Hippo und Karthago waren Regionalsynoden der Kirche Nordafrikas; anders als ein ökumenisches Konzil sprachen sie nicht für die ganze Kirche. Ihr Gewicht liegt darin, dass sie keine neuen Bücher bestimmten, sondern festhielten, was die Kirchen von den Vätern empfangen hatten und im Gottesdienst lasen. Die Päpstliche Bibelkommission sieht in der Übereinstimmung ihrer Listen den kirchlichen Gebrauch des Westens (PBK Nr. 18), auf den sich später die ökumenischen Konzilien stützen konnten.

Die Kirche unterscheidet zwischen der geschichtlichen Rezeption und der dogmatischen Definition, also einer verbindlichen Lehrentscheidung, die den Glauben der Kirche festhält. Eine solche Entscheidung trifft das Lehramt der Kirche: Die Apostel haben Bischöfe als ihre Nachfolger zurückgelassen und ihnen „ihr eigenes Lehramt überliefert“; dieses Lehramt steht nicht über dem Wort Gottes, sondern dient ihm und übt seine Vollmacht im Namen Jesu Christi aus (DV 7; 10). Das Konzil von Florenz bestätigte 1442, also vor der Reformation, die vollständige Liste der heiligen Bücher. In der konfessionellen Kontroverse definierte das Konzil von Trient 1546 den vollständigen katholischen Kanon mit dogmatischer Verbindlichkeit und bekräftigte dabei den überlieferten Bestand. Der Kanon, den Florenz und Trient vorlegten, war der überlieferte Bestand, den die Kirche aus der apostolischen Überlieferung empfangen hatte; sie bestätigten beziehungsweise definierten ihn verbindlich. Der Kanon steht damit innerhalb der apostolischen Geschichte der Kirche, und er ist durch geschichtliche Vermittlung zu uns gekommen: Die Kirche hat die Bücher empfangen, die von Christus zeugen, und sie hat dieses Erbe bewahrt.

Quellen zu dieser Frage 10

Hieronymus Glaube und Überlieferung

Hat nicht Hieronymus selbst die deuterokanonischen Bücher aus dem Kanon ausgeschlossen?

Hieronymus vertrat die engere Liste, und die Reformatoren beriefen sich auf ihn. Die Kirche folgte dem gemeinsamen Gebrauch der Kirchen, und Hieronymus selbst übersetzte Tobit und Judit für die Lesung der Kirche.

Hieronymus zählt um 391 in seiner Vorrede zu den Büchern Samuel und Könige, dem sogenannten Prologus galeatus, zweiundzwanzig Bücher des Alten Testaments. Was außerhalb dieser Bücher steht, sei unter die Apokryphen zu stellen; die Weisheit, das Buch Jesus Sirach, Judit und Tobit seien nicht im Kanon. Auf dieses Urteil beriefen sich die Reformatoren, und die anglikanischen Glaubensartikel nennen ihn ausdrücklich: Die übrigen Bücher lese die Kirche, wie Hieronymus sage, als Beispiel für das Leben und zur Unterweisung in den Sitten, gründe aber keine Lehre auf sie (Artikel VI). Hinter der reformatorischen Einordnung steht damit ein großer Kirchenvater und Kirchenlehrer.

Die Päpstliche Bibelkommission ordnet sein Urteil in den Gang der Kanongeschichte ein. Hieronymus entschied sich für den hebräischen Text als Grundlage seiner lateinischen Übersetzung; bei den deuterokanonischen Büchern verbesserte er in der Regel nur die altlateinische Übersetzung (PBK Nr. 18). Den Umfang des Kanons klärte die Kirche auf einem anderen Weg: Augustinus gründete sein Urteil auf die durchgängige Praxis der Kirche, und zu Beginn des fünften Jahrhunderts machten sich Konzilien seine Auffassung bei der Festlegung des alttestamentlichen Kanons zu eigen (PBK Nr. 18).

Hieronymus selbst diente diesem Gebrauch der Kirche. In der Vorrede zu Tobit schreibt er, die Hebräer schlössen das Buch aus dem Verzeichnis der göttlichen Schriften aus; dennoch übersetzte er es auf Bitten der Bischöfe Chromatius und Heliodorus, weil er es für besser hielt, dem Urteil der Pharisäer zu missfallen und den Weisungen der Bischöfe zu folgen. Judit übersetzte er, weil man lese, die Synode von Nizäa habe dieses Buch zur Zahl der heiligen Schriften gerechnet. Sein gelehrtes Urteil über den hebräischen Bestand und sein Dienst an der Lesung der Kirche stehen bei ihm nebeneinander.

Die Kirche folgte darum in dieser Frage nicht dem Urteil eines einzelnen Gelehrten, so groß er war, sondern dem gemeinsamen Gebrauch der Kirchen, dem Hieronymus mit seinen Übersetzungen selbst diente. Über den Umfang des Kanons urteilt die Kirche, deren Lehramt den empfangenen Glauben ausspricht. Hieronymus bleibt ein Kirchenlehrer, dessen Übersetzung die Westkirche geprägt hat; sein Urteil über die deuterokanonischen Bücher zeigt, dass die Frage um 391 noch offen war, und nicht, dass die Kirche später Bücher hinzugefügt hätte.

Quellen zu dieser Frage 5

Jamnia und die Reformation Glaube und Überlieferung

Jamnia habe den jüdischen Kanon geschlossen, und die Reformation habe zum ursprünglichen Maßstab zurückgeführt

Nach einer verbreiteten Erklärung habe eine Versammlung in Jamnia den jüdischen Kanon geschlossen; die Reformation habe lediglich zu diesem älteren und engeren Maßstab zurückgeführt.

Diese Erklärung umfasst drei Behauptungen. Eine Versammlung von Jamnia habe um 90 n. Chr. die maßgebliche hebräische Bücherliste festgelegt. Die Kirche habe später weitere Bücher aufgenommen, während die Reformation zum älteren und engeren Bestand zurückgekehrt sei. Und wenn die ältesten christlichen Stimmen unterschiedliche Listen nennen, könne daraus keine verbindliche kirchliche Kanonentscheidung folgen. Die Erklärung hat Gewicht, weil sie sich auf Beobachtungen stützt: auf das Vorhandensein eines engeren Bestands in der jüdischen Überlieferung und auf die Unterschiede zwischen den frühen christlichen Zeugen.

Die Päpstliche Bibelkommission, ein Gremium der Kirche für Fragen der Heiligen Schrift, hält fest, dass für Jamnia keine Entscheidung über eine Bücherliste belegt ist. Jamnia war eher eine Schule oder Akademie, und die jüdische Schriftensammlung war erst später endgültig festgelegt. Damit fehlt der engeren Liste der Vorrang, den die Erklärung ihr zuschreibt: Als feste Liste ist sie erst nach der Zeit der Apostel bezeugt, und die Verfasser des Neuen Testaments zeigen eine Kenntnis der deuterokanonischen Bücher (Päpstliche Bibelkommission, Nr. 16–17, Anm. 35). Luther stellte die deuterokanonischen Bücher in seiner Bibel von 1534 als „Apokryphen“ an den Schluss des Alten Testaments: Bücher, „so der Heiligen Schrift nicht gleichgehalten und doch nützlich und gut zu lesen sind“; reformierte Bekenntnisse gingen weiter, das Westminster-Bekenntnis (I,3) spricht ihnen jede Autorität in der Kirche ab. Die orthodoxen Kirchen dagegen, die nicht in Gemeinschaft mit Rom stehen, bekennen Weisheit, Judit, Tobit, die Makkabäer und Sirach als Heilige Schrift (Synode von Jerusalem 1672); der weitere Kanon ist ein Erbe der alten Kirche in Ost und West, auch wenn man im Osten seit Origenes den Schriftgebrauch dem hebräischen Kanon anzugleichen suchte (Päpstliche Bibelkommission, Nr. 18).

Auch die frühen christlichen Zeugen folgen nicht einem einzigen Listenmodell: Im 4. Jahrhundert lagen vollständige Bücherlisten vor, die sich im Alten Testament unterschieden (Athanasius 367; Augustinus um 397). Historische Zeugnisse sind als solche keine dogmatische Definition. Gerade weil die Zeugen verschieden urteilten, braucht es die Unterscheidung von Rezeption und Definition, die das vorige Kapitel entfaltet: Die Kirche hat ihre Entscheidung auf den überlieferten Bestand gegründet, den sie empfangen hat, und nichts nachträglich ergänzt.

Quellen zu dieser Frage 7
← Zur Übersicht: Bibelkanon