SCRIPTURA PLENA

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Grundlagen

Wie bekamen wir eigentlich die Bibel?

Die Bibel lag am Anfang des Christentums nicht als fertig gebundener Band vor. Ihre Schriften entstanden über längere Zeit, wurden in den Gemeinden gelesen und überliefert und schließlich als verbindliche Heilige Schrift erkannt. Der Weg dorthin erklärt auch, weshalb katholische und protestantische Bibelausgaben beim Alten Testament unterschiedlich zählen.

Vor dem LesenBetend lesen

Im Geist hören

Die Heilige Schrift ist Gottes Wort in menschlichen Worten. Wer sie liest, darf um den Geist bitten, der die biblischen Verfasser inspiriert hat und die Kirche in alle Wahrheit führt.

Komm, Heiliger Geist.

Öffne unseren Verstand für Gottes Wort und unser Herz für Christus. Lehre uns, die Heilige Schrift im Glauben der Kirche zu hören, und führe uns dazu, das Erkannte zu leben. Amen.

Im Gebet wird die Schriftlesung zum Gespräch mit Gott.

Bibelzitat, redaktionelle Erläuterung und Gebet bleiben klar unterschieden. Als Heilige Schrift gilt nur der gekennzeichnete Bibeltext; Erläuterungen und Gebete sind redaktionell verantwortet und anhand ihrer Quellen prüfbar.

Zum Weiterlesen:Dei Verbum 12 und 25Verbum Domini 15–16 und 86–87

Kurze Zusammenfassung

Drei Dinge zum Mitnehmen

  1. Der Kanon wurde in der apostolischen Kirche empfangen und schrittweise geklärt.
  2. Hebräische und griechische Texttraditionen sowie kirchliche Listen zeigen eine komplexe Rezeptionsgeschichte.
  3. Die Kanonfrage führt zur verbindlichen Ordnung, durch die die Kirche apostolische Offenbarung erkennt und bewahrt.

Von Christus zur Kanonfrage

Wie die Kirche die Heilige Schrift empfing

  1. Jesus und die apostolische Verkündigung

    Jesus schreibt kein Neues Testament

    Jesus verkündigt das Reich Gottes, beruft Apostel und sendet sie als Zeugen. Das Christentum beginnt deshalb mit einer apostolischen Sendung, bevor ein vollständiger neutestamentlicher Kanon vorliegt.

    Jesus selbst schrieb kein Buch. Er verkündigte, berief die Zwölf und sandte sie, seine Lehre weiterzugeben.

    Die ersten Christen empfingen den Glauben durch die Predigt der Apostel, durch deren Zeugnis und durch das Leben der Gemeinden. Paulus schreibt: „Seid also standhaft, Brüder und Schwestern, und haltet an den Überlieferungen fest, in denen wir euch unterwiesen haben, sei es mündlich, sei es durch einen Brief!“ (2 Thess 2,15). In diesem apostolischen Zusammenhang schrieben Apostel und apostolische Männer unter der Inspiration des Heiligen Geistes die Botschaft vom Heil nieder (DV 7); so entstanden die Schriften, die später den Kanon des Neuen Testaments bilden.

    Der Kanon bezeichnet die verbindliche Liste der Bücher, die als Heilige Schrift gelten. Diese Liste gehört zur Geschichte der apostolischen Kirche; sie war am Anfang noch nicht als vollständiges Inhaltsverzeichnis vorhanden.

    Quellen und HinweiseKKK 120

    Katechismus

    Konzilien und Lehramt

    • Dei VerbumDV 7–10Primärtext · Offizielle kirchliche Quelle

      apostolische Überlieferung und ihre Weitergabe

    Kirchenväter

  2. Die apostolische Zeit

    Die Kirche lebt bereits

    Noch bevor alle neutestamentlichen Schriften geschrieben und gesammelt sind, verkündet, tauft und feiert die Kirche ihren Glauben.

    Die Gemeinden hören die apostolische Lehre, empfangen die Taufe, feiern die Eucharistie und geben den Glauben an neue Christen weiter. Ihr kirchliches Leben hängt zeitlich nicht von einer bereits abgeschlossenen Sammlung neutestamentlicher Bücher ab.

    Paulus schreibt an Gemeinden, die schon bestehen. Die Evangelien werden in einer Kirche verkündet, die aus der Sendung Christi und der apostolischen Lehre lebt. Die Schriften stärken und ordnen dieses Leben; sie erschaffen die Kirche nicht erst nachträglich aus einem Buch.

    Die Kirche empfängt die apostolische Überlieferung, bevor sie den vollständigen Umfang des Neuen Testaments in einer einheitlichen Liste vorliegen hat. Ein reformierter Einwand lautet, die Kirche sei „auf das Fundament der Apostel und Propheten gebaut“ (Eph 2,20), also gehe das Wort der Kirche voraus; dem stimmt die Kirche zu, denn ihr Lehramt „ist nicht über dem Wort Gottes, sondern dient ihm“ (DV 10). Später als die Kirche ist nicht das apostolische Wort, das mündlich und schriftlich überliefert wird, sondern die Liste der Bücher, in denen sie dieses Wort schriftlich wiedererkennt.

    Quellen und Hinweise3 Hinweise

    Konzilien und Lehramt

    • Dei VerbumDV 7–10Primärtext · Offizielle kirchliche Quelle

      apostolische Weitergabe und authentische Auslegung

    Kirchenväter

  3. Entstehung und Weitergabe der Schriften

    Viele Schriften entstehen

    Evangelien und Briefe werden nach und nach verfasst, in den Gemeinden gelesen und über verschiedene Regionen hinweg weitergegeben.

    Die neutestamentlichen Schriften entstehen über längere Zeit. Briefe werden an einzelne Gemeinden oder an größere Gruppen gesandt; Evangelien werden abgeschrieben, vorgelesen und in anderen Gemeinden bekannt. Schon im Neuen Testament werden apostolische Schriften neben die Schriften Israels gestellt: 2 Petr 3,16 spricht von den Briefen des Paulus, die Unwissende verdrehen „wie die übrigen Schriften“, und 1 Tim 5,18 führt unter „die Schrift sagt“ neben Dtn 25,4 das Herrenwort „Wer arbeitet, hat ein Recht auf seinen Lohn“ an (vgl. Lk 10,7).

    Daneben zirkulieren weitere christliche Texte. Manche werden zur Unterweisung gelesen, andere beanspruchen apostolische Autorität, ohne sich auf Dauer in der Kirche durchzusetzen. Frühe Zeugen verwenden apostolische Schriften, doch ihre Listen und Bewertungen sind nicht überall sofort identisch.

    So musste die Kirche mehrere Fragen zugleich prüfen: Woher stammt eine Schrift? Wird sie in den Gemeinden als apostolisch und verbindlich gebraucht? Gehört sie zur Heiligen Schrift oder dient sie vor allem der Unterweisung?

    Quellen und Hinweise2 Hinweise

    Historische Primärquellen

    • Muratorisches FragmentFragment, erhaltene ListeTranskription bei Early Christian Writings

      Zeugnis einer Auswahl und Bewertung apostolischer Schriften; Datierung zwischen dem späten 2. und dem 4. Jahrhundert umstritten

    • Eusebius, Kirchengeschichte III,25HE III,25Übersetzung · Primärtext / Edition

      unterschiedliche Kategorien anerkannter und umstrittener Schriften

  4. Woher weiß man, welche Bücher dazugehören?

    Kein inspiriertes Inhaltsverzeichnis

    Kein biblisches Buch enthält ein inspiriertes Inhaltsverzeichnis, das die vollständige Liste aller Bücher der Bibel festlegt.

    Die Bibel enthält viele Aussagen über Gottes Wort und über die apostolische Lehre. Sie enthält jedoch kein einzelnes Buch mit einer von Gott inspirierten Gesamtliste, die jeden Bestandteil des Alten und Neuen Testaments aufführt.

    Darum stellt sich eine konkrete Frage: Woher weiß ein Christ, dass etwa der Hebräerbrief, der Jakobusbrief oder die Offenbarung zur Heiligen Schrift gehören? Die Antwort kann nicht einfach darin bestehen, dass jedes Buch seine eigene Zugehörigkeit aus sich selbst heraus bescheinigt.

    Die frühe Rezeption der Schriften in den Kirchen wird deshalb entscheidend. Die Kirche musste unterscheiden, welche Bücher sie als apostolische und kanonische Schriften empfängt und welche Texte einen anderen Rang besitzen.

    Quellen und Hinweise2 Hinweise

    Historische Primärquellen

    Kirchenväter

    • Athanasius, 39. FestbriefFestbrief 39, §§4–7 (367)Übersetzung · Primärtext / Edition

      kanonische und zur Unterweisung gelesene Bücher

  5. Frühe kirchliche Listen und Konvergenz

    Die Kirche erkennt und bestätigt den Kanon

    Der Kanon erscheint in der Geschichte als Ergebnis kirchlicher Rezeption und schrittweiser Konvergenz, nicht als Erfindung durch einen einzigen Beschluss.

    Frühe Zeugen nennen bereits viele neutestamentliche Bücher, lassen bei einzelnen Schriften aber offene Fragen erkennen. Eusebius unterscheidet anerkannte, umstrittene und zurückgewiesene Schriften. Athanasius führt in seinem Osterfestbrief von 367 eine vollständige Liste der neutestamentlichen Bücher auf und unterscheidet sie von anderen Schriften, die zur Unterweisung gelesen werden können.

    Für das Alte Testament stimmen um 400 Afrika und Rom überein. Die Synoden von Hippo (393) und Karthago (397) zählen auch Tobit, Judit, die zwei Bücher der Makkabäer und die fünf Bücher Salomos, zu denen damals die Weisheit und Jesus Sirach gerechnet wurden, zu den kanonischen Schriften; die erhaltene Kanonliste von Karthago (419) wird dem Bischof von Rom zur Bestätigung übermittelt. Papst Innozenz I. nennt 405 in seinem Brief an Bischof Exsuperius von Toulouse dieselben Bücher. Eine weitere römische Liste, die die Überlieferung einer Synode unter Papst Damasus im Jahr 382 zuschreibt, steht im sogenannten Decretum Gelasianum; der Katechismus nennt sie unter den Zeugnissen für den Kanon (KKK 120: DS 179), ihre Zuschreibung und Datierung sind aber umstritten.

    Augustinus nennt als Maßstab die Annahme durch die katholischen Kirchen, unter denen die Kirchen besonderes Gewicht haben, die Sitz eines Apostels waren und Briefe empfingen: Schriften, die alle annehmen, haben Vorrang vor denen, die nicht alle annehmen (De doctrina christiana II,8,12). Nach der Päpstlichen Bibelkommission gründete er sein Urteil „auf die durchgängige Praxis der Kirche“, und die Übereinstimmung der Regionalkonzilien lässt ihre Listen „als repräsentativ für den kirchlichen Gebrauch des Westens erscheinen“ (Nr. 18). Solche Beschlüsse waren Teil eines längeren kirchlichen Erkenntnisprozesses und keine eigenmächtige Schöpfung der Bibel aus dem Nichts.

    Ein Buch gehört zur Heiligen Schrift, weil Gott sein Urheber ist: Der Kirche gelten „aufgrund apostolischen Glaubens“ die Bücher beider Testamente „in ihrer Ganzheit mit allen ihren Teilen als heilig und kanonisch, weil sie, unter der Einwirkung des Heiligen Geistes geschrieben …, Gott zum Urheber haben und als solche der Kirche übergeben sind“ (DV 11). Darum ist von ihnen zu bekennen, „daß sie sicher, getreu und ohne Irrtum die Wahrheit lehren, die Gott um unseres Heiles willen in heiligen Schriften aufgezeichnet haben wollte“. Die Kirche macht Gottes Wort also nicht. Sie erkennt in der apostolischen Überlieferung, welche Schriften sie als Heilige Schrift empfangen hat, und bestätigt diese Erkenntnis in ihrem verbindlichen Leben.

    Quellen und HinweiseKKK 120 (DS 179)

    Katechismus

    • Katechismus der Katholischen KircheKKK 120 (DS 179)Primärtext · Offizielle kirchliche Quelle

      Kanonliste des Katechismus mit Verweis auf die römische Liste im Decretum Gelasianum

    Konzilien und Lehramt

    • Dei VerbumDV 11Primärtext · Offizielle kirchliche Quelle

      Gott als Urheber der Schrift; Ganzheit der Bücher und Irrtumslosigkeit

    Fachdokumente und Studien

    Historische Primärquellen

    • Karthago, Konzil von 419Kanon 24 bzw. 34Transkription bei New Advent / Church Fathers

      nordafrikanische Kanonliste und kirchliche Überlieferung

    Kirchenväter

  6. Septuaginta und alttestamentliche Überlieferung

    Welche Bücher gehören zum Alten Testament?

    Beim Alten Testament geht es nicht nur um die Zahl der Bücher. Auch der überlieferte Textumfang einzelner Bücher unterscheidet sich.

    Die apostolische Kirche las das Alte Testament weithin in der griechischen Septuaginta und hat diese älteste Übersetzung „schon in ihren Anfängen … als die ihre übernommen“ (DV 22); eine fertige Ausgabe mit exakt dem späteren katholischen Inhaltsverzeichnis war sie noch nicht. Die Päpstliche Bibelkommission hält fest, dass die Verfasser des Neuen Testaments die deuterokanonischen Bücher kennen und dass der engere hebräische Kanon jünger ist als die Zeit, in der das Neue Testament entstand. Auch jüdische Sammlungen und Traditionen entwickelten sich in unterschiedlichen Zusammenhängen. Qumran bezeugt zusätzlich eine jüdische Vielfalt von Schriften und Schriftgebrauch. Eine einfache Geschichte von einer einzigen abschließenden Kanonsitzung wird dieser Lage nicht gerecht.

    Das stärkste Argument für eine hebräische Grenze beginnt mit der Bibel selbst. Röm 3,2 sagt, dass Israel die Gottesworte anvertraut sind. Das ist eine echte heilsgeschichtliche Aufgabe: Israel hat Gottes Worte bewahrt. Lk 24,44 nennt Gesetz, Propheten und Psalmen; „Psalmen“ kann dabei als Sammelbezeichnung für die Schriften stehen. Josephus zählt in Contra Apionem I,37–42 zweiundzwanzig Bücher: fünf Bücher des Mose, dreizehn prophetische Bücher und vier Bücher mit Hymnen und Lebensregeln. Er bezeugt eine jüdische Grenze und eine hohe Ehrfurcht vor diesen Schriften.

    Diese Zeugnisse beantworten jedoch nicht jede christliche Kanonfrage. Röm 3,2 enthält keine vollständige Bücherliste; das griechische λόγια (logia, etwa: LO-gi-a, „Worte, Aussprüche“) bezeichnet die anvertrauten Gottesworte und ist kein späteres Inhaltsverzeichnis. Lk 24,44 benennt eine dreiteilige Struktur, legt aber die Buchgrenzen jeder Abteilung nicht fest. Josephus ist ein bedeutender jüdischer Zeuge, doch seine Bücherzählung ist keine apostolische christliche Norm. Auch die verbreitete Vorstellung, eine Versammlung von Rabbinen in Jamnia (Javne) habe um 90 n. Chr. den hebräischen Kanon abschließend bestimmt, wird der Quellenlage nicht gerecht: Gegen Ende des 1. Jahrhunderts waren wohl 22 bis 24 Bücher allgemein als Heilige Schrift anerkannt, ausschließlich wurde diese Liste aber erst später. Hieronymus berief sich für seine philologische Ordnung auf die „hebräische Wahrheit“. Seine Übersetzung und sein Hinweis auf kirchlichen Gebrauch zeigen jedoch, dass Textsprache, kirchliche Lesung und kanonischer Status auseinanderzuhalten sind.

    Der Unterschied betrifft zudem den Textumfang einzelner Bücher. Im katholischen Daniel gehören etwa das Gebet Asarjas und der Gesang der drei jungen Männer in Dan 3,24–90 sowie Susanna in Dan 13 und Bel und der Drache in Dan 14 zum Buch. Bei Esther umfasst die katholische Überlieferung neben der kürzeren hebräischen Form auch die griechischen Zusätze A–F. Der hebräische Kanon ist deshalb ein ernstzunehmendes historisches Kriterium, aber nicht ohne weiteres eine selbstbeglaubigende christliche Norm.

    Quellen und Hinweise7 Hinweise

    Konzilien und Lehramt

    • Dei VerbumDV 7–10Primärtext · Offizielle kirchliche Quelle

      Zusammenhang von Schrift, apostolischer Überlieferung, Kirche und Lehramt

    • Dei VerbumDV 22Primärtext · Offizielle kirchliche Quelle

      Septuaginta als von Anfang an übernommene Übersetzung der Kirche

    Fachdokumente und Studien

    Historische Primärquellen

  7. Mittelalterliche kirchliche Zeugnisse

    Lange vor Luther

    Die katholische Kanonliste entstand nicht erst als spontane Reaktion auf die Reformation.

    Im Mittelalter begegnen weitere kirchliche Zeugnisse für die Bücher des Alten und Neuen Testaments. Besonders deutlich ist das Dekret für die Jakobiten, Cantate Domino, das das Konzil von Florenz am 4. Februar 1442 verabschiedete.

    Das Dekret enthält eine ausdrückliche Liste der biblischen Bücher einschließlich der deuterokanonischen Schriften. Damit liegt eine katholische Kanonliste lange vor Luther und der Reformation vor.

    Das Konzil von Trient legte den Kanon 1546 in der Auseinandersetzung mit reformatorischen Positionen dogmatisch verbindlich vor. Es präzisierte und bekräftigte damit eine kirchliche Überlieferung, deren Zeugnisse bis zu den übereinstimmenden Listen Afrikas und Roms um 400 zurückreichen.

    Quellen und Hinweise2 Hinweise

    Historische Primärquellen

    • Konzil von Florenz, Cantate DominoDekret für die Jakobiten „Cantate Domino“, 4. Februar 1442 – DH 1334–1336 (vgl. KKK 120)Primärtext · Offizielle kirchliche Quelle

      ausdrückliche Bücherliste vor der Reformation

    • Konzil von Trient, Sitzung IVSitzung IV, Dekret über die kanonischen Schriften, 8. April 1546 – DH 1501–1504 (vgl. KKK 120)Transkription bei Hanover Historical Texts Collection

      dogmatische Präzisierung des Kanons in der Kontroverse

  8. Reformation und Bibeldruck

    Was ändert die Reformation?

    Die Reformation veränderte nicht nur die Anordnung alttestamentlicher Schriften. Luthers Bibeln zeigen auch eine persönliche Wertung einzelner neutestamentlicher Bücher und eine bewusste Übersetzungsentscheidung bei Römer 3,28.

    Luthers vollständige deutsche Bibel von 1534 druckte die Apokryphen weiterhin ab. Luthers Apokryphen-Überschrift von 1545 ordnet diese Bücher als nützlich und gut zu lesen ein, aber nicht auf dieselbe Stufe wie die Heilige Schrift. In derselben Ausgabe werden auch Stücke in Esther und Daniel gesondert aufgeführt. Die Schriften waren damit physisch vorhanden, ihr kanonischer Rang wurde jedoch anders bestimmt.

    Luther war nicht der erste deutsche Bibelübersetzer. Zwischen 1466 und 1522 erschienen bereits 18 deutsche Bibelausgaben, beginnend mit Mentelins Bibel von 1466, die aus der lateinischen Vulgata übersetzt wurden. Seine besondere und außerordentlich einflussreiche Leistung lag in der Verbindung von Arbeit an den Ausgangssprachen, idiomatischem Deutsch, intensiver redaktioneller Bearbeitung und Verbreitung im Druck. Regionale kirchliche Regeln schränkten den Gebrauch dennoch tatsächlich ein: Toulouse untersagte 1229 in seiner Kirchenprovinz Laien den Besitz biblischer Bücher und volkssprachlicher Übersetzungen; Tarragona erließ 1234 eine vergleichbare Regel. Solche Beispiele begründen kein einheitliches kirchenweites Verbot. Anderswo blieben genehmigte oder lizenzierte Nutzung und volkssprachliche Bibellektüre möglich.

    Die Sorge kirchlicher Autoritäten richtete sich dabei unter anderem auf unerlaubtes Predigen, private Versammlungen, strittige Auslegung und kirchliche Einheit. Der Brief Innozenz’ III. an die Christen von Metz von 1199 zeigt, dass die kirchliche Beauftragung und geordnete Auslegung als Voraussetzungen eine Rolle spielten. Diese Gründe erklären die damaligen Regeln, beseitigen aber nicht die tatsächliche Last von Einschränkungen für fromme Leser und Gemeinden. Die Geschichte ist weder eine pauschale Erzählung von bloßer Willkür noch eine harmlose Geschichte ohne Kosten.

    Die maßgeblichen Ausgaben der Ausgangstexte entstanden im katholischen Humanismus. In Alcalá ließ Kardinal Francisco Ximénez de Cisneros die mehrsprachige Complutensische Polyglotte drucken; ihr Neues Testament lag schon 1514 gedruckt vor. Erasmus von Rotterdam gab 1516 das griechische Neue Testament heraus und widmete es Papst Leo X.; Luther übersetzte 1522 nach der zweiten Ausgabe des Erasmus von 1519. Neu und umwälzend wurde die Reformation durch die Verbindung von Arbeit an griechischen und hebräischen Ausgangstexten, volkssprachlicher Rhetorik, Druck, öffentlichen Kontroversen sowie der Lektüre im Haushalt und durch Laien. Sie veränderte die religiöse Kommunikation und die Ordnung der Auslegung. Der Zugang nahm zu, während neue Bekenntnisse, Territorialkirchen, Theologen und politische Mächte an die Stelle älterer Autorisierungswege traten; daraus entstanden auch konfessionelle Spaltungen und neue Kontrollen.

    Nach der Reformation band eine allgemeine kirchliche Regel das Lesen volkssprachlicher Bibeln an eine Erlaubnis. Die vierte der Regeln, die vom Konzil von Trient beauftragte Väter für den Index der verbotenen Bücher erarbeiteten und Papst Pius IV. 1564 bestätigte, erlaubte die Lektüre nur in Übersetzungen katholischer Verfasser und nur mit schriftlicher Erlaubnis des Bischofs oder Inquisitors; begründet wurde das mit der Erfahrung, dass eine unterschiedslose Freigabe mehr Schaden als Nutzen bringe. Zugleich gaben katholische Theologen die Bibel auf Deutsch heraus: Hieronymus Emser 1527 ein Neues Testament, Johann Dietenberger 1534 und Johannes Eck 1537 je eine vollständige Bibel. Heute lehrt die Kirche: „Der Zugang zur Heiligen Schrift muß für die an Christus Glaubenden weit offenstehen“ (DV 22). Das Konzil ermahnt alle Gläubigen eindringlich, die Schrift häufig zu lesen, und zitiert dazu Hieronymus: „Die Schrift nicht kennen heißt Christus nicht kennen“ (DV 25).

    Auch im Neuen Testament ist eine redaktionelle und theologische Wertung sichtbar. Das Septembertestament von 1522 stellte Hebräer, Jakobus, Judas und die Offenbarung ans Ende. Luthers Vorreden bewerteten diese Bücher niedriger; beim Jakobusbrief sprach er von einer „strohernen Epistel“ und stellte seine apostolische Einordnung infrage. Das war Luthers persönliche Bewertung, keine formale Entfernung dieser Bücher aus seiner Bibel. Die ältere Kategorie der ἀντιλεγόμενα (antilegomena, etwa: an-ti-le-GO-me-na, „bestrittene Schriften“) bei Eusebius ist davon zu unterscheiden.

    Luther übersetzte Röm 3,28 mit „allein durch den Glauben“, obwohl der griechische Satz kein eigenes Wort für „allein“ enthält, und verteidigte diese Ergänzung 1530 im Sendbrief vom Dolmetschen als bewusste deutsche und theologische Wiedergabe.

    Die zentrale Frage ist daher nicht der Vorwurf einer Fälschung. Zu unterscheiden sind der griechische und lateinische Text, die Übersetzung, die Interpretation und die kirchliche Auslegung.

    Quellen und Hinweise14 Hinweise

    Konzilien und Lehramt

    • Dei VerbumDV 22; DV 25Primärtext · Offizielle kirchliche Quelle

      weiter Zugang zur Schrift für die Gläubigen und Aufruf zur häufigen Schriftlesung

    Fachdokumente und Studien

    Historische Primärquellen

  9. Druckgeschichte und spätere Verbreitung

    Von den Apokryphen zur verbreiteten 66-Bücher-Bibel

    Die physische Entfernung der Apokryphen aus vielen protestantischen Bibelausgaben war ein längerer Druck- und Verbreitungsprozess.

    Auch frühe protestantische Bibeln druckten die Apokryphen. Die Geneva Bible von 1560 enthielt einen eigenen Apocrypha-Abschnitt, ebenso enthielt die King James Version von 1611 die Apokryphen zwischen Altem und Neuem Testament.

    In späteren Ausgaben wurden diese Schriften zunehmend weggelassen. Ein wichtiger institutioneller Wendepunkt für die spätere Verbreitung von Bibeln ohne Apokryphen war der Beschluss der British and Foreign Bible Society vom 21. November 1825, ihre Mittel nur für die kanonischen Schriften zu verwenden und die Apokryphen auszuschließen. Die entsprechenden Regeln wurden 1826 und 1827 bei den Jahreshauptversammlungen angenommen.

    Diese Entscheidung erklärt einen bedeutenden Teil der späteren Verbreitung von Bibeln ohne Apokryphen. Sie war jedoch nicht der Augenblick, in dem überall sieben Bücher entfernt wurden. Die Entwicklung verlief über verschiedene Ausgaben, Verlage und protestantische Traditionen hinweg.

    Auch der Wortlaut, den die katholische Kirche liest, hat eine Überlieferungs- und Druckgeschichte. Zu den ältesten Zeugen des griechischen Bibeltextes gehören die großen Handschriften des 4. Jahrhunderts, der Codex Vaticanus und der Codex Sinaiticus. Im Westen las die Kirche die Schrift über Jahrhunderte in der lateinischen Vulgata: Papst Damasus ermutigte Hieronymus zu einer neuen lateinischen Übersetzung; Hieronymus überarbeitete die Evangelien und übertrug die Bücher des hebräischen Kanons aus dem Hebräischen, während er bei den deuterokanonischen Büchern meist die ältere lateinische Übersetzung verbesserte. Das Konzil von Trient erklärte 1546 unter den umlaufenden lateinischen Ausgaben die alte Vulgata für Lesungen, Disputationen, Predigten und Auslegungen als authentisch und verlangte ihren möglichst fehlerfreien Druck; die amtliche Ausgabe, die Clementinische Vulgata, erschien 1592. Heute bemüht sich die Kirche um genaue Übersetzungen „mit Vorrang aus dem Urtext der Heiligen Bücher“ (DV 22); im deutschen Sprachraum ist das die Einheitsübersetzung, deren revidierte Fassung 2016 erschienen ist.

    Quellen und Hinweise7 Hinweise

    Konzilien und Lehramt

    • Dei VerbumDV 22Primärtext · Offizielle kirchliche Quelle

      Vulgata in Ehren; Übersetzungen mit Vorrang aus dem Urtext

    • Generalaudienz über den heiligen HieronymusGeneralaudienz vom 7. November 2007Primärtext · Offizielle kirchliche Quelle

      Damasus ermutigt Hieronymus zu einer neuen lateinischen Übersetzung; Vulgata als vom Konzil von Trient anerkannter Text

    Fachdokumente und Studien

    Historische Primärquellen

    • Geneva Bible 1560Apocrypha-Abschnitt, unter anderem Tobit und SirachPrimärtext · Primärtext / Edition

      früher protestantischer Druck mit Apokryphen

    • Konzil von Trient, Sitzung IVSitzung IV, 8. April 1546: Dekret über die Ausgabe und den Gebrauch der heiligen Bücher (DH 1506)Transkription bei Hanover Historical Texts Collection

      alte Vulgata als authentische lateinische Ausgabe und Auftrag zu ihrem fehlerfreien Druck

  10. Schrift, Überlieferung und kirchliche Autorität

    Die entscheidende Frage

    Die Kanonfrage endet bei der Autorität: Wer empfängt, bewahrt und bestätigt verbindlich den Umfang der Heiligen Schrift?

    Die 27 Bücher des Neuen Testaments traten historisch durch kirchliche Rezeption und schrittweise Konvergenz gemeinsam hervor. Die Reformation übernahm diesen neutestamentlichen Bestand vollständig, auch wenn Luther vier Bücher niedriger bewertete; Teile des Alten Testaments beurteilte sie dagegen nach einem anderen Kriterium. Diese Asymmetrie ist eine historische Beobachtung; sie unterstellt heutigen Protestanten keine einheitliche persönliche Begründung.

    Die stärkste reformierte Antwort lautet, dass die Autorität der Schrift nicht vom Zeugnis eines Menschen oder der Kirche abhängt, sondern von Gott als ihrem Autor. Westminster Confession I.4–I.5 nennt den himmlischen Inhalt, die Wirksamkeit, Majestät, den Zusammenhang, die Zielrichtung und den Heilsweg der Schrift als selbstbezeugende Kennzeichen. Kirchliches Zeugnis führt zu hoher und ehrfürchtiger Wertschätzung; die volle Gewissheit der göttlichen Autorität wirkt jedoch durch das innere Zeugnis des Heiligen Geistes im Herzen. Calvin erklärt entsprechend, die Kirche konstituiere die Autorität der Schrift nicht. Der Geist versiegle sie; äußere Beweise und beständige kirchliche Rezeption sind wichtige, aber nachgeordnete Hilfen.

    Dieses Modell ist nicht einfach „jeder entscheidet selbst“. Es beansprucht göttliche Selbstbeglaubigung, das innere Wirken des Geistes und kirchliches Zeugnis als sekundäre Hilfe. Die katholische Antwort wertet persönliche geistliche Gewissheit nicht ab. Sie unterscheidet den Ursprung der Inspiration, die persönliche Gewissheit, die historische Rezeption und die öffentlich verbindliche kirchliche Entscheidung.

    Die historische Frage bleibt deshalb bestehen: Hebräer, Jakobus, Judas und die Offenbarung wurden in verschiedenen Zeiten und Regionen unterschiedlich bewertet. Auch die alttestamentlichen Listen unterschieden sich. Wenn aufrichtige Christen, Gemeinden und Bischöfe Schriften unterschiedlich einordneten, wodurch wird entschieden, welches Urteil die verbindliche Führung des Geistes für die ganze Kirche ausdrückt?

    Die Antwort der Kirche lautet: Christus hat die apostolische Überlieferung seiner Kirche anvertraut; die Bischöfe folgen in dieser Sendung den Aposteln. Schon Augustinus bekennt: „Ich würde selbst dem Evangelium keinen Glauben schenken, wenn mich nicht die Autorität der katholischen Kirche dazu bewöge“ (Contra epistulam fundamenti 5,6; KKK 119). Die Kirche erzeugt die Inspiration eines Buches nicht. Sie erkennt sie im Licht der apostolischen Überlieferung und bestätigt sie verbindlich, zuletzt in den Entscheidungen der Konzilien von Florenz (1442) und Trient (1546). Das Lehramt legt die Schrift authentisch aus und steht dabei im Dienst des Wortes Gottes.

    An 2 Makk 12,38–46 wird sichtbar, was eine solche Kanonentscheidung geistlich verändert. Der Text verbindet die Hoffnung auf die Auferstehung mit Gebet und einem Sühnopfer für die Toten, damit sie von ihrer Sünde befreit werden. Der Erzähler bewertet die Handlung als gut und fromm. Wird 2 Makkabäer als inspirierte Schrift empfangen, enthält die Bibel damit ein ausdrückliches Zeugnis für Gebet und Sühne für Verstorbene.

    Die Kanonfrage zeigt, dass „die Schrift allein“ als Glaubensregel bereits voraussetzt, dass der Umfang dieser Schrift ohne inspiriertes Inhaltsverzeichnis zuverlässig erkannt wurde. Die eigentliche Kontroverse lautet deshalb auch: Durch welche von Christus gewollte Ordnung wird apostolische Offenbarung in der Kirche zuverlässig erkannt, bewahrt und ausgelegt?

    Quellen und HinweiseKKK 120 · KKK 119 · KKK 1030–1032

    Katechismus

    Konzilien und Lehramt

    • Dei VerbumDV 7–10Primärtext · Offizielle kirchliche Quelle

      Christus, apostolische Überlieferung, Kirche und Lehramt

    Historische Primärquellen

    Kirchenväter

    • Athanasius, 39. FestbriefFestbrief 39, §§4–7 (367)Übersetzung · Primärtext / Edition

      kirchliche Liste der neutestamentlichen Bücher

Historische Genauigkeit

Drei Ebenen, die auseinandergehalten werden müssen

Historische Aussagen über Bibelausgaben werden ungenau, wenn kanonischer Status, Textumfang, Platzierung und physische Aufnahme miteinander vermischt werden.

Kanonischer Status
Der kanonische Status beantwortet die Frage, ob eine Schrift als inspirierte Heilige Schrift zum verbindlichen Kanon gehört. Ein Buch kann in einer Bibelausgabe stehen und dennoch einen anderen Rang erhalten.
Platzierung
Hier geht es um die redaktionelle Ordnung und auch um den Textumfang eines Buches. Bei Daniel und Esther betrifft das etwa die griechischen Zusätze. Eine Ausgabe kann eine Schrift in einem eigenen Abschnitt abdrucken oder sie zwischen Altem und Neuem Testament platzieren; diese Form entscheidet nicht allein über den kanonischen Rang.
Physische Aufnahme
Eine Schrift kann in einer Bibelausgabe abgedruckt oder in einer späteren Ausgabe weggelassen werden. Frühe protestantische Bibeln enthielten die Apokryphen häufig; ihre spätere Entfernung war ein längerer Verbreitungsprozess. Eine andere Verszählung oder Ausgabeform bedeutet daher nicht automatisch einen anderen Kanon.

Zwei Entwicklungslinien

Katholische und protestantische Kanonentwicklung

Die Unterschiede betreffen den kanonischen Status, den Textumfang, die redaktionelle Platzierung und die physische Aufnahme. Die verbreitete Kurzform „73 gegen 66“ erfasst deshalb nicht die ganze Geschichte.

Kanonischer Status
Katholische Entwicklung
Deuterokanonische Schriften gehören zum kanonischen Alten Testament.
Protestantische Entwicklung
Reformierte Bekenntnisse wie das Westminster-Bekenntnis (I,3) erklären die Apokryphen für nicht inspiriert und nicht kanonisch; die lutherischen Bekenntnisschriften legen keine Bücherliste fest. Übliche protestantische Ausgaben führen diese Schriften als Apokryphen außerhalb des Alten Testaments oder drucken sie nicht ab.
Einordnung
Der Status einer Schrift ist eine andere Frage als ihr Abdruck in einer konkreten Ausgabe. Innerhalb protestantischer Traditionen können Ausgabeform und Gebrauch variieren.
Quellen und Hinweise3 Hinweise

Historische Primärquellen

  • Konzil von Trient, Sitzung IVSitzung IV, Dekret über die kanonischen Schriften, 8. April 1546 – DH 1501–1504 (vgl. KKK 120)Transkription bei Hanover Historical Texts Collection

    katholische Kanonliste

  • Luther-Bibel 1545, ApokryphenApocrypha-ÜberschriftTranskription bei Stilkunst.de

    andere Rangbestimmung der Apokryphen

Bekenntnisse und offizielle Lehrquellen

  • Westminster Confession of FaithWCF I.3Primärtext · Offizielle konfessionelle Quelle

    Apokryphen nach reformiertem Bekenntnis nicht inspiriert und kein Teil des Kanons

Textumfang von Daniel und Esther
Katholische Entwicklung
Daniel wird mit Dan 3,24–90 und Dan 13–14 empfangen; Esther umfasst neben der hebräischen Form auch die griechischen Zusätze A–F. Diese Teile gehören zur Heiligen Schrift, weil die Kirche die Bücher „in ihrer Ganzheit mit allen ihren Teilen“ für heilig und kanonisch hält (DV 11), wie das Konzil von Trient 1546 verbindlich festgestellt hat.
Protestantische Entwicklung
Übliche protestantische Ausgaben drucken Daniel und Esther gewöhnlich in der kürzeren beziehungsweise hebräischen Textgestalt.
Einordnung
Hier geht es um den empfangenen Textumfang, nicht nur um die Zahl der Bücher. Auch Verszählungen können zwischen Ausgaben abweichen.
Quellen und Hinweise1 Hinweise

Konzilien und Lehramt

  • Dei VerbumDV 11Primärtext · Offizielle kirchliche Quelle

    Bücher in ihrer Ganzheit mit allen ihren Teilen heilig und kanonisch

Luther und die Apokryphen
Katholische Entwicklung
Die deuterokanonischen Schriften gehören zum Alten Testament.
Protestantische Entwicklung
Luther ordnete die Apokryphen als nützlich und gut zu lesen ein, aber nicht gleich der Heiligen Schrift; seine Bibel von 1545 druckte sie weiterhin ab.
Einordnung
Persönliche Bewertung, kanonischer Status und physische Aufnahme müssen getrennt werden.
Quellen und Hinweise1 Hinweise

Historische Primärquellen

  • Luther-Bibel 1545, ApokryphenApocrypha-Überschrift und Stücke in Esther und DanielTranskription bei Stilkunst.de

    Luthers Einordnung und physische Aufnahme

Jakobus und die Antilegomena
Katholische Entwicklung
Jakobus gehört zum neutestamentlichen Kanon.
Protestantische Entwicklung
Luther stellte Jakobus 1522 ans Ende und bewertete ihn in der Vorrede theologisch niedriger; er entfernte den Brief jedoch nicht aus seiner Bibel.
Einordnung
Die ältere Kategorie der Antilegomena ist eine deskriptive Rezeptionskategorie. Sie darf nicht mit Luthers persönlicher theologischer Wertung oder mit einer späteren lutherischen Bekenntnislehre gleichgesetzt werden.
Quellen und Hinweise3 Hinweise

Fachdokumente und Studien

Historische Primärquellen

Römer 3,28 und „allein“
Katholische Entwicklung
Römer 3,28 spricht von Rechtfertigung durch Glauben ohne Werke des Gesetzes; Jakobus 2 weist einen Glauben ohne Werke zurück.
Protestantische Entwicklung
Luther übersetzte Römer 3,28 mit „allein durch den Glauben“ und verteidigte diese Ergänzung 1530 als bewusste deutsche und theologische Wiedergabe.
Einordnung
Im griechischen Satz von Röm 3,28 steht kein μόνον (monon, „allein“); Luthers „allein“ ist eine interpretierende Übersetzungsentscheidung.
Quellen und Hinweise1 Hinweise

Historische Primärquellen

  • Sendbrief vom DolmetschenSendbrief vom Dolmetschen, 1530Primärtext · Primärtext / Edition

    Luther bestätigt das Fehlen von solum und verteidigt „allein“

Ausgabeform und Verszählung
Katholische Entwicklung
Eine katholische Ausgabe kann den erweiterten Text von Daniel und Esther sowie eine eigene Verszählung führen.
Protestantische Entwicklung
Eine protestantische Ausgabe kann kürzere Textformen, einen Apokryphenabschnitt oder eine andere Verszählung verwenden.
Einordnung
Textumfang, kanonischer Status, Edition, Platzierung und Versnummer sind voneinander verschiedene Ebenen.
Quellen und Hinweise1 Hinweise

Historische Primärquellen

Vergleich der katholischen und protestantischen Kanonentwicklung
AspektKatholische EntwicklungProtestantische EntwicklungEinordnung
Kanonischer StatusDeuterokanonische Schriften gehören zum kanonischen Alten Testament.Reformierte Bekenntnisse wie das Westminster-Bekenntnis (I,3) erklären die Apokryphen für nicht inspiriert und nicht kanonisch; die lutherischen Bekenntnisschriften legen keine Bücherliste fest. Übliche protestantische Ausgaben führen diese Schriften als Apokryphen außerhalb des Alten Testaments oder drucken sie nicht ab.

Der Status einer Schrift ist eine andere Frage als ihr Abdruck in einer konkreten Ausgabe. Innerhalb protestantischer Traditionen können Ausgabeform und Gebrauch variieren.

Quellen und Hinweise3 Hinweise

Historische Primärquellen

  • Konzil von Trient, Sitzung IVSitzung IV, Dekret über die kanonischen Schriften, 8. April 1546 – DH 1501–1504 (vgl. KKK 120)Transkription bei Hanover Historical Texts Collection

    katholische Kanonliste

  • Luther-Bibel 1545, ApokryphenApocrypha-ÜberschriftTranskription bei Stilkunst.de

    andere Rangbestimmung der Apokryphen

Bekenntnisse und offizielle Lehrquellen

  • Westminster Confession of FaithWCF I.3Primärtext · Offizielle konfessionelle Quelle

    Apokryphen nach reformiertem Bekenntnis nicht inspiriert und kein Teil des Kanons

Textumfang von Daniel und EstherDaniel wird mit Dan 3,24–90 und Dan 13–14 empfangen; Esther umfasst neben der hebräischen Form auch die griechischen Zusätze A–F. Diese Teile gehören zur Heiligen Schrift, weil die Kirche die Bücher „in ihrer Ganzheit mit allen ihren Teilen“ für heilig und kanonisch hält (DV 11), wie das Konzil von Trient 1546 verbindlich festgestellt hat.Übliche protestantische Ausgaben drucken Daniel und Esther gewöhnlich in der kürzeren beziehungsweise hebräischen Textgestalt.

Hier geht es um den empfangenen Textumfang, nicht nur um die Zahl der Bücher. Auch Verszählungen können zwischen Ausgaben abweichen.

Quellen und Hinweise1 Hinweise

Konzilien und Lehramt

  • Dei VerbumDV 11Primärtext · Offizielle kirchliche Quelle

    Bücher in ihrer Ganzheit mit allen ihren Teilen heilig und kanonisch

Luther und die ApokryphenDie deuterokanonischen Schriften gehören zum Alten Testament.Luther ordnete die Apokryphen als nützlich und gut zu lesen ein, aber nicht gleich der Heiligen Schrift; seine Bibel von 1545 druckte sie weiterhin ab.

Persönliche Bewertung, kanonischer Status und physische Aufnahme müssen getrennt werden.

Quellen und Hinweise1 Hinweise

Historische Primärquellen

  • Luther-Bibel 1545, ApokryphenApocrypha-Überschrift und Stücke in Esther und DanielTranskription bei Stilkunst.de

    Luthers Einordnung und physische Aufnahme

Jakobus und die AntilegomenaJakobus gehört zum neutestamentlichen Kanon.Luther stellte Jakobus 1522 ans Ende und bewertete ihn in der Vorrede theologisch niedriger; er entfernte den Brief jedoch nicht aus seiner Bibel.

Die ältere Kategorie der Antilegomena ist eine deskriptive Rezeptionskategorie. Sie darf nicht mit Luthers persönlicher theologischer Wertung oder mit einer späteren lutherischen Bekenntnislehre gleichgesetzt werden.

Quellen und Hinweise3 Hinweise

Fachdokumente und Studien

Historische Primärquellen

Römer 3,28 und „allein“Römer 3,28 spricht von Rechtfertigung durch Glauben ohne Werke des Gesetzes; Jakobus 2 weist einen Glauben ohne Werke zurück.Luther übersetzte Römer 3,28 mit „allein durch den Glauben“ und verteidigte diese Ergänzung 1530 als bewusste deutsche und theologische Wiedergabe.

Im griechischen Satz von Röm 3,28 steht kein μόνον (monon, „allein“); Luthers „allein“ ist eine interpretierende Übersetzungsentscheidung.

Quellen und Hinweise1 Hinweise

Historische Primärquellen

  • Sendbrief vom DolmetschenSendbrief vom Dolmetschen, 1530Primärtext · Primärtext / Edition

    Luther bestätigt das Fehlen von solum und verteidigt „allein“

Ausgabeform und VerszählungEine katholische Ausgabe kann den erweiterten Text von Daniel und Esther sowie eine eigene Verszählung führen.Eine protestantische Ausgabe kann kürzere Textformen, einen Apokryphenabschnitt oder eine andere Verszählung verwenden.

Textumfang, kanonischer Status, Edition, Platzierung und Versnummer sind voneinander verschiedene Ebenen.

Quellen und Hinweise1 Hinweise

Historische Primärquellen

Einwände fair prüfen

Was häufig gegen diese Geschichte eingewandt wird

„Die Kirche hat den Kanon nicht bestimmt, sondern nur erkannt.“

Der Einwand

Gott allein gibt der Schrift ihre Autorität, und er allein weiß, welche Bücher zu ihr gehören. Die Kirche kann den Kanon deshalb nur erkennen, nicht bestimmen: Ihr Urteil über den Umfang der Bibel bezeugt, was es vorfindet, ist aber keine Instanz darüber, denn eine solche Instanz stünde über Gottes Wort.

Die Antwort

Ursprung der Inspiration und Erkenntnis der Inspiration sind verschiedene Fragen. Die katholische Kirche lehrt, dass sie den Kanon durch die apostolische Tradition erkennt und verbindlich bestätigt. „Erkennen“ beschreibt daher nicht nur eine private Einsicht, sondern auch die öffentliche Bewahrung einer apostolischen Überlieferung durch die Kirche und ihr Lehramt. Die Kirche macht Gottes Wort nicht; sie empfängt, bewahrt und bezeugt, welche Schriften als Gottes Wort zur ganzen Kirche gehören. Ihr verbindliches Urteil steht darum nicht über dem Wort Gottes, sondern dient ihm (vgl. DV 10).

Quellen und HinweiseKKK 120

Katechismus

Konzilien und Lehramt

  • Dei VerbumDV 7–10Primärtext · Offizielle kirchliche Quelle

    Lehramt und authentische Auslegung im Dienst am Wort Gottes

„Die Autorität der Schrift hängt von Gott ab, nicht von der Kirche.“

Der Einwand

Westminster Confession I.4 erklärt, dass die Autorität der Heiligen Schrift nicht vom Zeugnis eines Menschen oder der Kirche abhängt, sondern von Gott als ihrem Autor. Die Kirche kann die Schrift hoch schätzen und bezeugen, aber sie verleiht ihr keine Autorität.

Die Antwort

Die katholische Kirche stimmt dem Ursprung der Autorität zu: Gott ist der Autor der Inspiration (DV 11), und die Kirche erzeugt diese Autorität nicht. Die offene Frage betrifft die Erkenntnis und die öffentliche Grenze. Hebräer, Jakobus, Judas und die Offenbarung wurden historisch nicht überall gleich bewertet; auch die alttestamentlichen Listen unterschieden sich. Eine persönliche Gewissheit kann geistlich wirklich sein. Sie erklärt jedoch noch nicht, wodurch die ganze Kirche öffentlich und verbindlich weiß, welches Urteil die Führung des Geistes ausdrückt. Die katholische Position unterscheidet deshalb persönliche Glaubensgewissheit, historische Rezeption und verbindliche kirchliche Entscheidung.

Quellen und Hinweise3 Hinweise

Konzilien und Lehramt

  • Dei VerbumDV 7–11Primärtext · Offizielle kirchliche Quelle

    apostolische Überlieferung, Kirche und Lehramt; Gott als Urheber der Schrift

Historische Primärquellen

Bekenntnisse und offizielle Lehrquellen

„Die Schrift beglaubigt sich selbst durch den Heiligen Geist.“

Der Einwand

Reformierte Theologie beschreibt die Schrift als selbstbeglaubigend. Westminster Confession I.5 nennt Inhalt, Wirksamkeit, Majestät, Zusammenhang, Zielrichtung und Heilsweg als Kennzeichen ihrer göttlichen Herkunft. Die volle Gewissheit entsteht durch das innere Wirken des Heiligen Geistes. Calvin erklärt, dass äußere Beweise und die beständige Rezeption der Kirche hilfreiche, aber nachgeordnete Zeugnisse sind; der Geist versiegelt die Schrift im Herzen.

Die Antwort

Diese Position ist stärker als die Behauptung, jeder Einzelne wähle willkürlich seine Bücher. Sie nimmt göttliche Selbstbeglaubigung, Geistzeugnis und kirchliches Zeugnis ernst. Die katholische Kirche bestreitet auch nicht, dass der Heilige Geist einem Christen die Wahrheit und geistliche Kraft der Schrift bezeugen kann. Sie fragt nach der Reichweite dieser Gewissheit: Wenn Hebräer, Jakobus, Judas, Offenbarung und die alttestamentlichen Listen in Geschichte und Kirche unterschiedlich beurteilt wurden, wodurch wird die innere Gewissheit öffentlich als das verbindliche Urteil für die ganze Kirche ausgewiesen? Äußere Rezeption und historische Prüfung bleiben wichtige Hilfen; die katholische Antwort führt darüber hinaus zur sichtbaren apostolischen Kirche und ihrer Lehrvollmacht.

Quellen und Hinweise3 Hinweise

Bekenntnisse und offizielle Lehrquellen

„Jesus und die Apostel bestätigen doch den hebräischen Kanon.“

Der Einwand

Röm 3,2 sagt, dass Israel die Gottesworte anvertraut sind. Lk 24,44 nennt Gesetz, Propheten und Psalmen. Diese Stellen können als biblische Bestätigung der jüdischen Schriftüberlieferung gelesen werden. Zusammen mit Josephus’ 22-Bücher-Zählung ergibt sich ein starkes historisches Argument für eine hebräische Grenze des Alten Testaments.

Die Antwort

Das Argument hat echtes Gewicht. Röm 3,2 bezeugt Israels besondere Verwahrung der Gottesworte, enthält aber keine vollständige Bücherliste. Das griechische λόγια (logia, „Worte, Aussprüche“) bezeichnet die anvertrauten Gottesworte und ist kein späteres Inhaltsverzeichnis. Lk 24,44 bestätigt eine dreiteilige Struktur, legt aber die Buchgrenzen der Abteilungen nicht fest. „Psalmen“ kann eine Sammelbezeichnung für die Schriften sein, ohne jede einzelne spätere Bücherliste zu liefern. Die katholische Kirche achtet Israels heilsgeschichtliche Aufgabe, Gottes Worte zu bewahren; sie macht eine spätere jüdische Grenzziehung jedoch nicht ohne weiteres zur apostolischen Norm für die Kirche.

Quellen und Hinweise1 Hinweise

Historische Primärquellen

„Josephus zeigt doch, dass die jüdische Büchergrenze feststand.“

Der Einwand

Josephus nennt in Contra Apionem I,37–42 zweiundzwanzig Bücher: fünf Bücher des Mose, dreizehn prophetische Bücher und vier Bücher mit Hymnen und Lebensregeln. Er beschreibt eine Grenze nach Artaxerxes und eine außergewöhnliche Ehrfurcht vor diesen Schriften. Das ist ein ernstes Zeugnis für eine jüdische Bücherzählung im ersten Jahrhundert.

Die Antwort

Josephus ist als historischer Zeuge ernst zu nehmen. Seine 22er-Zählung darf nicht weggewischt werden. Sie bleibt jedoch eine jüdische Bücherzählung und ist keine christliche apostolische Norm. Zählweisen und innerjüdische Überlieferungen dürfen nicht vorschnell zu einer überall identischen Liste vereinfacht werden. Qumran bezeugt zusätzlich eine vielfältige jüdische Schriftkultur. Josephus stärkt daher das historische Argument für eine hebräische Tradition, entscheidet aber nicht allein, welche Bücher die Kirche als inspirierte Schrift empfängt.

Quellen und Hinweise2 Hinweise

Fachdokumente und Studien

Historische Primärquellen

  • Josephus, Contra Apionem I,37–42Contra Apionem I,37–42; 22 Bücher, 5 + 13 + 4Primärtext · Wissenschaftliche Sekundärquelle

    jüdische Bücherzählung und Grenze nach Artaxerxes

„Das Neue Testament zitiert die deuterokanonischen Bücher nicht mit Schriftformeln.“

Der Einwand

Die Bücher des späteren hebräischen Kanons werden im Neuen Testament häufig mit Schriftformeln zitiert. Deuterokanonische Bücher erscheinen nicht in gleicher Weise als eindeutige Schriftzitate. Daraus lässt sich schließen, dass die Apostel diese Schriften nicht als kanonische Heilige Schrift behandelten.

Die Antwort

Das Zitatargument ist ein ernstzunehmendes Kriterium. Es muss jedoch zwischen direktem Zitat, sprachlicher Parallele, thematischer Anspielung und ausdrücklicher Schriftformel unterschieden werden. Ohne Einleitungsformel nimmt das Neue Testament die deuterokanonischen Bücher dennoch erkennbar auf. Hebr 11,35 zählt zu den Glaubenszeugen Israels: „Andere wurden gefoltert, da sie den Loskauf nicht annahmen, um eine bessere Auferstehung zu erlangen“ – eine Anspielung auf die sieben Brüder von 2 Makk 7 (vgl. 7,9.14); und Jesus begeht in Joh 10,22 das Tempelweihfest, dessen jährliche Feier 1 Makk 4,59 einsetzt. Auch Bücher des späteren hebräischen Kanons werden im Neuen Testament nicht alle ausdrücklich zitiert. Umgekehrt zitiert Jud 14–15 eine Henoch-Prophetie, ohne damit automatisch das gesamte Henoch-Buch zu kanonisieren. Zitat und Kanon sind daher nicht identisch. Die katholische Schlussfolgerung stützt sich auf die gesamte apostolische und kirchliche Rezeption, nicht auf ein einzelnes Zitatmuster.

Quellen und Hinweise1 Hinweise

Konzilien und Lehramt

  • Dei VerbumDV 7–10Primärtext · Offizielle kirchliche Quelle

    apostolische Überlieferung und kirchliche Auslegung

„Hieronymus beweist doch, dass die deuterokanonischen Bücher außerhalb des Kanons stehen.“

Der Einwand

Hieronymus ordnete in seiner Vorrede zu den Büchern der Könige die hebräischen Bücher persönlich anders ein und stellte zusätzliche Schriften in dieser philologischen Liste außerhalb des Kanons. Für eine Rückkehr zu den Ausgangstexten besitzt dieses Zeugnis erhebliches Gewicht.

Die Antwort

Hieronymus’ philologische Bücherliste ist ein wichtiges historisches Zeugnis. Sie ist jedoch von Übersetzung, kirchlichem Gebrauch und verbindlicher kirchlicher Rezeption zu unterscheiden. Hieronymus übersetzte Tobit und Judith und verwies bei ihnen auf kirchliche Lesepraxis. Seine persönliche Klassifikation zeigt daher die Spannung zwischen hebräischer Philologie und kirchlicher Überlieferung; sie beendet diese Spannung nicht. Sprache und Textform sind wichtige historische Fragen, ersetzen aber nicht die kirchliche Autorität, die den christlichen Kanon empfängt und verbindlich bestätigt.

Quellen und Hinweise3 Hinweise

Historische Primärquellen

„Die Väter hatten doch sehr unterschiedliche Listen.“

Der Einwand

Die frühe Kirche besaß nicht sofort eine überall identische Liste. Melito nennt eine Liste ohne Esther; „Weisheit“ steht bei ihm als zweiter Name der Sprichwörter Salomos. Origenes unterscheidet den hebräischen 22er-Kanon von den Makkabäerbüchern. Athanasius nennt 367 die 27 neutestamentlichen Bücher, unterscheidet aber alttestamentliche Bücher von weiteren zur Lesung bestimmten Schriften. Cyrill von Jerusalem nennt eine 22er-Zählung und ordnet Baruch und den Brief des Jeremia ein; Gregor von Nazianz nennt in der üblichen Lesart die neutestamentlichen Bücher ohne die Offenbarung. Hieronymus, Augustinus, Rufinus und Johannes von Damaskus setzen jeweils andere Akzente.

Die Antwort

Diese Vielfalt ist historisch real und darf nicht durch die Behauptung verdeckt werden, jeder Vater habe bereits exakt die spätere tridentinische Liste besessen. Melito, Origenes, Athanasius, Cyrill, Gregor, Hieronymus, Augustinus, Rufinus und Johannes von Damaskus bezeugen unterschiedliche Ebenen: philologische Listen, katechetische Anweisungen, kirchliche Leselisten, persönliche Wertungen und breitere kirchliche Rezeption. Zugleich zeigt die Geschichte eine starke Konvergenz beim Neuen Testament und eine schrittweise Klärung bei den Randfragen des Alten Testaments. Die katholische Lehre behauptet nicht, dass jeder Vater die spätere verbindliche Liste vorweggenommen habe. Die kirchliche Bestätigung steht am Ende eines realen Rezeptions- und Klärungsprozesses.

Quellen und Hinweise10 Hinweise

Fachdokumente und Studien

Historische Primärquellen

Kirchenväter

„Wenn Tradition den Kanon sichert, warum haben katholische und orthodoxe Kirchen nicht dieselbe Liste?“

Der Einwand

Orthodoxe Traditionen behandeln 3 Makkabäer, Psalm 151, 1 Esdras, das Gebet Manasses oder 4 Makkabäer unterschiedlich. Trullo, Kanon 2, bezeugt die Rezeption älterer apostolischer, konziliarer und väterlicher Kanones. Die Konfession des Dositheus von 1672 bekennt Weisheit, Judith, Tobit, die griechischen Danielstücke, Makkabäer und Sirach als echte Teile der Heiligen Schrift und kanonische Bücher. Wenn Tradition, Liturgie und Rezeption den Kanon sichern, scheint diese Vielfalt gegen eine eindeutige kirchliche Lösung zu sprechen.

Die Antwort

Der Einwand zeigt eine echte Schwierigkeit. Historische Schriftbibliothek, liturgische Lesung, kanonischer Status und dogmatische Definition sind verschiedene Ebenen. Begriffe wie „liturgisch gelesen“, ἀναγιγνωσκόμενα (anagignoskomena, etwa: a-na-gi-gnos-KO-me-na, „die zu lesenden Bücher“), „kanonisch“ und „dogmatisch definiert“ dürfen nicht gleichgesetzt werden. Auch 4 Makkabäer wird nicht überall gleich behandelt: Eine orthodoxe Übersicht nennt es als Anhang der griechischen Kirche, während die russische Kirche es nicht als kanonisch annimmt. Diffuse Tradition oder bloße Liturgie genügt tatsächlich nicht als mechanische Endentscheidung jeder Kanonfrage. Die katholische Kirche verbindet Schrift und apostolische Tradition mit einer sichtbaren Ordnung, in der die Bischöfe in Gemeinschaft mit dem Nachfolger Petri für die ganze Kirche verbindlich urteilen können; auf diesem Weg hat sie den Umfang des Kanons festgestellt (Florenz 1442, Trient 1546). Die unterschiedliche Behandlung von 3 und 4 Makkabäer oder Psalm 151 in orthodoxen Kirchen zeigt, was geschieht, wo ein solches gesamtkirchliches Urteil fehlt; die Kanonfrage führt so zur Frage nach dem Dienst des Petrus.

Quellen und HinweiseKKK 120

Katechismus

Konzilien und Lehramt

  • Dei VerbumDV 7–10Primärtext · Offizielle kirchliche Quelle

    apostolische Tradition, Kirche und Lehramt

Historische Primärquellen

Bekenntnisse und offizielle Lehrquellen

„Zuverlässiges historisches Wissen braucht keinen unfehlbaren Entscheider.“

Der Einwand

Historische Erkenntnis kann zuverlässig sein, ohne dass ein unfehlbarer Erkenner vorhanden ist. Menschen können etwa ihre Eltern kennen oder mit guten Gründen wissen, welche Werke zu Shakespeare gehören. Auch eine fehlbare historische Rekonstruktion kann vernünftig und zuverlässig sein. Daraus folgt, dass eine Kanonliste nicht durch eine unfehlbare kirchliche Entscheidung garantiert werden muss.

Die Antwort

Die katholische Position behauptet nicht, dass ohne Unfehlbarkeit überhaupt kein Wissen möglich wäre. Eine fehlbare Rekonstruktion kann zuverlässig sein. Entscheidend ist hier jedoch, welche Art von Gewissheit gemeint ist. Wenn die Schrift als unfehlbare letzte Norm jeder verbindlichen Lehre gilt, ist die Grenze zwischen inspiriert und nicht inspiriert keine gewöhnliche historische Nebensache. Eine fehlbare Liste kann vernünftig sein; sie begründet aber nicht die Gewissheit, dass genau diese Bücher vollständig und ausschließlich die letzte Norm bilden. Die eigentliche Frage lautet, welche Gewissheit über die Grenzen der letzten Glaubensnorm beansprucht wird und wie sie für die ganze Kirche verbindlich wird.

Quellen und Hinweise3 Hinweise

Konzilien und Lehramt

  • Dei VerbumDV 7–10Primärtext · Offizielle kirchliche Quelle

    verbindliche Bewahrung und Auslegung in der Kirche

Fachdokumente und Studien

Bekenntnisse und offizielle Lehrquellen

„Konstantin oder das Konzil von Nizäa haben festgelegt, welche Bücher zur Bibel gehören.“

Der Einwand

Kaiser Konstantin ließ für die Kirchen seiner neuen Hauptstadt fünfzig Abschriften der heiligen Schriften anfertigen, und Hieronymus berichtet, das Konzil von Nizäa habe das Buch Judit zu den heiligen Schriften gezählt. Wer Bibeln in Auftrag gibt und ein Konzil über einzelne Bücher entscheiden lässt, scheint auch über ihren Inhalt bestimmt zu haben. Die Bibel wäre dann ein Ergebnis kaiserlicher und konziliarer Entscheidungen des 4. Jahrhunderts.

Die Antwort

Konstantins Brief an Eusebius, den dieser in seiner Lebensbeschreibung des Kaisers überliefert (Vita Constantini IV,36), bestellt fünfzig gut lesbare Abschriften der heiligen Schriften für den Unterricht der Kirche; eine Bücherliste nennt er nicht, er setzt voraus, dass Eusebius weiß, was gebraucht wird. Bekenntnis und Kanones von Nizäa regeln Glauben, Ämter und kirchliche Ordnung; über den Umfang der Bibel beschließen sie nichts. Hieronymus schreibt in seiner Vorrede zu Judit nur, man lese, Nizäa habe das Buch zu den heiligen Schriften gezählt; einen solchen Beschluss überliefern die Konzilstexte nicht. Nach der Lehre der Kirche ließ die apostolische Überlieferung die Kirche unterscheiden, welche Schriften in das Verzeichnis der heiligen Bücher gehören (KKK 120). Bischöfe und Synoden bezeugten den Gebrauch der Kirchen, von der Liste der 27 neutestamentlichen Bücher bei Athanasius 367 bis zu den übereinstimmenden Listen Afrikas und Roms um 400.

Quellen und HinweiseKKK 120

Katechismus

Historische Primärquellen

Kirchenväter

  • Athanasius, 39. FestbriefFestbrief 39, §§4–7 (367)Übersetzung · Primärtext / Edition

    Liste der 27 neutestamentlichen Bücher

„Trient fügte die Bücher erst 1546 hinzu.“

Der Einwand

Trient formulierte 1546 einen vollständigen Katalog und verband ihn mit einer dogmatischen Entscheidung. Das Konzil reagierte damit auf die Kontroverse seiner Zeit. Daraus kann der Eindruck entstehen, die katholische Kirche habe die deuterokanonischen Bücher erst dann zum Kanon gemacht.

Die Antwort

Die Bücher wurden dadurch nicht erstmals in die katholische Überlieferung aufgenommen. Florenz hatte bereits 1442 eine ausdrückliche Liste einschließlich der deuterokanonischen Schriften vorgelegt. Auch frühere westkirchliche Zeugnisse zeigen eine breitere kirchliche Rezeption. Trient präzisierte und bekräftigte diese Überlieferung unter den Bedingungen der Reformation. Das Konzil erfand weder die Bücher noch ihre kirchliche Verwendung.

Quellen und Hinweise3 Hinweise

Historische Primärquellen

  • Konzil von Florenz, Cantate DominoDekret für die Jakobiten „Cantate Domino“, 4. Februar 1442 – DH 1334–1336 (vgl. KKK 120)Primärtext · Offizielle kirchliche Quelle

    Bücherliste vor Trient

  • Konzil von Trient, Sitzung IVSitzung IV, Dekret über die kanonischen Schriften, 8. April 1546 – DH 1501–1504 (vgl. KKK 120)Transkription bei Hanover Historical Texts Collection

    dogmatische Präzisierung des Katalogs

Kirchenväter

„Luther hat die Apokryphen und Jakobus aus der Bibel gestrichen.“

Der Einwand

Luther stellte die Apokryphen in einen eigenen Abschnitt und bewertete sie niedriger. 1522 ordnete er Hebräer, Jakobus, Judas und die Offenbarung am Ende an; in der Vorrede zum Jakobusbrief kritisierte er dessen Verhältnis zu Paulus scharf. Daraus kann der Eindruck entstehen, Luther habe diese Bücher aus dem Neuen Testament entfernt oder die spätere lutherische Kirche habe sie ausgeschlossen.

Die Antwort

Luthers Bibel von 1545 druckte die Apokryphen weiterhin ab. Auch Hebräer, Jakobus, Judas und die Offenbarung blieben in seiner Bibel enthalten. Seine persönliche Rangordnung und seine Vorreden sind von der älteren, deskriptiven Kategorie der Antilegomena bei Eusebius zu unterscheiden. Ebenso sind sie nicht mit einer allgemeinverbindlichen späteren lutherischen Kanonlehre gleichzusetzen. Die lutherische Bekenntnistradition behandelt die prophetischen und apostolischen Schriften als alleinige Norm; die Bekenntnisse sind Zeugnis und Auslegung, nicht gleichrangiger Richter. Daraus folgt keine Behauptung, konfessionelle Lutheraner hätten Jakobus, Hebräer, Judas oder die Offenbarung aus dem Kanon ausgeschlossen.

Quellen und Hinweise6 Hinweise

Fachdokumente und Studien

Historische Primärquellen

Bekenntnisse und offizielle Lehrquellen

„Römer 3,28 sagt eindeutig: allein durch den Glauben.“

Der Einwand

Luther übersetzte den Vers mit „allein durch den Glauben“. Im Sendbrief vom Dolmetschen erklärte er, dass diese Formulierung dem deutschen Sprachgebrauch und seiner Auffassung des Paulus entspreche. Die exklusive Stoßrichtung scheint durch den Zusammenhang mit den Werken des Gesetzes getragen zu werden.

Die Antwort

Die Übersetzungsfrage lässt sich auf mehreren Ebenen klären. Im griechischen Satz von Röm 3,28 steht μόνον (monon, etwa: MO-non, „allein, nur“) nicht; im folgenden Vers 29 verwendet Paulus das Wort ausdrücklich. Auch die Clementinische Vulgata, die amtliche lateinische Ausgabe von 1592, hat in Röm 3,28 kein solum oder tantum („allein, nur“). Luther kannte die Textlage und verteidigte seine Ergänzung als bewusste deutsche und theologische Wiedergabe; „allein“ ist daher weder ein versehentlicher Fehler noch ein bedeutungsleeres Füllwort, sondern macht seine Lesart sichtbar. Die einzige Stelle, an der die Wendung „Glauben allein“ im Neuen Testament wörtlich steht, verneint sie: „Ihr seht, dass der Mensch aus Werken gerechtfertigt wird und nicht aus Glauben allein“ (Jak 2,24). Paulus schließt Werke des Gesetzes als Grund der Rechtfertigung aus, Jakobus einen Glauben, der ohne Werke bleibt; die Kirche liest beide zusammen und bekennt mit Paulus den Glauben, „der durch die Liebe wirkt“ (Gal 5,6).

Quellen und Hinweise1 Hinweise

Historische Primärquellen

  • Sendbrief vom DolmetschenSendbrief vom Dolmetschen, 1530Primärtext · Primärtext / Edition

    Luthers Verteidigung von „allein“

„Die Gefallenen von 2 Makkabäer 12 trugen Götzenamulette – und der Verfasser hat nur sein Bestes getan.“

Der Einwand

Zwei Beobachtungen am Text selbst sprechen gegen die Verwendung des Abschnitts. Die Toten trugen unter ihren Kleidern Amulette der Götter von Jamnia, die das Gesetz verbietet, und „da wurde allen klar, dass die Männer deswegen gefallen waren“ (2 Makk 12,40). Ein Sühnopfer für Männer, die wegen Götzendienstes starben, scheint dieses Urteil aufzuheben und ihre Sache als noch offen zu behandeln. Zudem beschließt der Verfasser sein Werk mit dem Satz: Ist die Erzählung gut und geschickt, habe er sein Ziel erreicht; „ist sie aber schlecht oder mittelmäßig – ich habe mein Bestes getan“ (2 Makk 15,38). Das klingt nach menschlicher Mühe und Unsicherheit, nicht nach einem Buch, in dem Gott selbst spricht.

Die Antwort

Die Amulette und das Sühnopfer stehen im Text nicht im Gegensatz, sondern hängen zusammen. Der Abschnitt nennt die Sünde beim Namen (2 Makk 12,40), und gerade für diese Sünde beten die Überlebenden, „dass die begangene Sünde wieder völlig ausgelöscht werde“ (12,42). Judas lässt ein Sündopfer darbringen und „ließ die Toten entsühnen, damit sie von der Sünde befreit werden“ (12,45). Über den inneren Zustand der Gefallenen urteilt der Erzähler nicht; er begründet das Gebet mit der Hoffnung auf ihre Auferstehung: „Denn hätte er nicht erwartet, dass die Gefallenen auferstehen werden, wäre es überflüssig und sinnlos gewesen, für die Toten zu beten“ (12,44). Der Schlusssatz in 2 Makk 15,38 betrifft die Gestaltung der Erzählung, wie der folgende Vers zeigt (15,39). Nach der Lehre der Kirche hat Gott die biblischen Verfasser so erwählt, dass sie ihm „durch den Gebrauch ihrer eigenen Fähigkeiten und Kräfte“ dienten und „als echte Verfasser“ schrieben, während er „in ihnen und durch sie“ wirkte (DV 11). Wer die Güte seiner Darstellung bescheiden beurteilt, schreibt gerade als solcher echter Verfasser. Der Katechismus stützt die Lehre von der Reinigung nach dem Tod „auch auf die Praxis, für die Verstorbenen zu beten, von der schon die Heilige Schrift spricht“, und nennt dafür 2 Makk 12,45 (KKK 1032).

Quellen und HinweiseKKK 1030–1032

Katechismus

Konzilien und Lehramt

  • Dei VerbumDV 11Primärtext · Offizielle kirchliche Quelle

    Gott wirkt in und durch die menschlichen Verfasser, die als echte Verfasser schreiben

Weitergehen

Von der Geschichte zur konkreten Glaubensfrage

Die Kanonfrage ist eine Grundlage. Von hier aus führt der Weg direkt in die biblischen Themen.