Der Kanon der Bibel
Der Kanon wird in der apostolischen Kirche empfangen
Der Kanon der Bibel ist die Liste der Bücher, die die Kirche als Heilige Schrift empfängt. Apostolisch heißt diese Kirche, weil sie auf dem Zeugnis der von Jesus beauftragten Apostel gründet. Vier Stellen des Neuen Testaments zeigen, in welcher Gestalt dort von apostolischer Lehre die Rede ist: Sie wird öffentlich weitergegeben, zuverlässigen Menschen anvertraut und in strittigen Fragen gemeinsam verbindlich vorgelegt. Von dieser Ordnung aus führt der Weg zur Frage, wie die apostolische Kirche den empfangenen Bestand der heiligen Schriften erkannt und weitergegeben hat.
3 Fragen · Alle Bibelstellen im Wortlaut · Quellen zum Prüfen

Die Schrift erschließt sich in dem Heiligen Geist, in dem sie geschrieben wurde. Ein kurzes Gebet stimmt auf das Lesen ein.
Vor dem LesenBetend lesen
Im Geist hören
Die Heilige Schrift ist Gottes Wort in menschlichen Worten. Wer sie liest, darf um den Geist bitten, der die biblischen Verfasser inspiriert hat und die Kirche in alle Wahrheit führt.
Komm, Heiliger Geist.
Öffne unseren Verstand für Gottes Wort und unser Herz für Christus. Lehre uns, die Heilige Schrift im Glauben der Kirche zu hören, und führe uns dazu, das Erkannte zu leben. Amen.
Im Gebet wird die Schriftlesung zum Gespräch mit Gott.
Bibelzitat, redaktionelle Erläuterung und Gebet bleiben klar unterschieden. Als Heilige Schrift gilt nur der gekennzeichnete Bibeltext; Erläuterungen und Gebete sind redaktionell verantwortet und anhand ihrer Quellen prüfbar.
Zum Weiterlesen:Dei Verbum 12 und 25Verbum Domini 15–16 und 86–87
Weitergabe der apostolischen Lehre Bibel und Textverständnis
Apostolische Lehre wird weitergegeben und gemeinsam entschieden
Das Neue Testament zeigt, welchen Weg apostolische Lehre in der Kirche nimmt: Sie wird weitergegeben, in der Versammlung als Schrift gelesen und in strittigen Fragen gemeinsam entschieden.
Seid also standhaft, Brüder und Schwestern, und haltet an den Überlieferungen fest, in denen wir euch unterwiesen haben, sei es mündlich, sei es durch einen Brief!
Auszug aus 2 Thess 2,15 · EÜ 2016 · © KBA 2016↗
Was die Stelle zum Argument beiträgt
Paulus fordert dazu auf, an mündlich und schriftlich überlieferten Traditionen festzuhalten.
Was du vor vielen Zeugen von mir gehört hast, das vertraue zuverlässigen Menschen an, die fähig sein werden, auch andere zu lehren!
Auszug aus 2 Tim 2,2 · EÜ 2016 · © KBA 2016↗
Was die Stelle zum Argument beiträgt
Paulus vertraut Timotheus die Lehre an, die zuverlässige Menschen weiteren vermitteln sollen.
In 2 Thess 2,15 erinnert Paulus die Gemeinde an die Unterweisung, die sie empfangen hat, und nennt die beiden Formen, in denen diese Unterweisung zu ihr gelangt ist: das gesprochene Wort und den Brief. 2 Tim 2,2 beschreibt denselben Zusammenhang als Kette von Personen: Was Timotheus von Paulus gehört hat, soll er zuverlässigen Menschen anvertrauen, die fähig sind, wiederum andere zu lehren. Apostolische Lehre erscheint damit von Anfang an als etwas, das über die ersten Hörer hinaus weitergegeben wird.
Und wenn der Brief bei euch vorgelesen worden ist, sorgt dafür, dass er auch in der Gemeinde von Laodizea vorgelesen wird und dass ihr auch den aus Laodizea lest!
Auszug aus Kol 4,16 · EÜ 2016 · © KBA 2016↗
Was die Stelle zum Argument beiträgt
Paulus lässt seinen Brief in der Gemeinde vorlesen und mit der Gemeinde von Laodizea austauschen.
In ihnen ist einiges schwer zu verstehen und die Unwissenden, die noch nicht gefestigt sind, werden diese Stellen ebenso verdrehen wie die übrigen Schriften zu ihrem eigenen Verderben.
Auszug aus 2 Petr 3,16 · EÜ 2016 · © KBA 2016↗
Was die Stelle zum Argument beiträgt
Der zweite Petrusbrief stellt die Briefe des Paulus neben die übrigen Schriften.
Denn die Schrift sagt: Du sollst dem Ochsen zum Dreschen keinen Maulkorb anlegen, und: Wer arbeitet, hat ein Recht auf seinen Lohn.
Auszug aus 1 Tim 5,18 · EÜ 2016 · © KBA 2016↗
Was die Stelle zum Argument beiträgt
Mit den Worten „Denn die Schrift sagt“ führt der Brief das Gesetz (Dtn 25,4) und ein Wort Jesu (vgl. Lk 10,7) an.
Die Weitergabe geschieht auch in der Versammlung. In Kol 4,16 rechnet Paulus damit, dass sein Brief der Gemeinde vorgelesen wird, und weist sie an, ihn auch in Laodizea vorlesen zu lassen und ihrerseits den Brief aus Laodizea zu lesen: Ein apostolischer Brief geht von Gemeinde zu Gemeinde und wird dort öffentlich gelesen. Der zweite Petrusbrief stellt die Briefe des Paulus neben „die übrigen Schriften“ (2 Petr 3,16); die Kirche nennt diese Stelle unter den Zeugnissen für die Inspiration der Schrift (DV 11). Und 1 Tim 5,18 führt mit den Worten „Denn die Schrift sagt“ das Gebot vom dreschenden Ochsen (Dtn 25,4) zusammen mit dem Satz „Wer arbeitet, hat ein Recht auf seinen Lohn“ an, den Jesus nach Lk 10,7 zu den ausgesandten Jüngern spricht. Schon im Neuen Testament stehen also apostolische Briefe und ein Wort des Herrn neben den Schriften Israels. Eine Bücherliste nennen diese Stellen nicht; sie zeigen den Weg, auf dem die Kirche apostolische Schriften als Schrift empfängt.
Falls ich aber länger ausbleibe, sollst du wissen, wie man sich im Haus Gottes verhalten muss, welches die Kirche des lebendigen Gottes ist, Säule und Fundament der Wahrheit.
Auszug aus 1 Tim 3,15 · EÜ 2016 · © KBA 2016↗
Was die Stelle zum Argument beiträgt
Die Kirche wird Säule und Fundament der Wahrheit genannt.
Denn der Heilige Geist und wir haben beschlossen, euch keine weitere Last aufzuerlegen als diese notwendigen Dinge: Götzenopferfleisch, Blut, Ersticktes und Unzucht zu meiden. Wenn ihr euch davor hütet, handelt ihr richtig. Lebt wohl!
Auszug aus Apg 15,28–29 · EÜ 2016 · © KBA 2016↗
Was die Stelle zum Argument beiträgt
Apostel und Älteste entscheiden einen Lehrstreit verbindlich.
1 Tim 3,15 nennt die Kirche des lebendigen Gottes die Säule und das Fundament der Wahrheit; die apostolische Verkündigung hat also einen Ort, an dem sie bewahrt wird. In Apg 15 prüfen Apostel und Älteste gemeinsam eine Streitfrage und übermitteln den Gemeinden einen verbindlichen Beschluss. Aus diesen Stellen tritt eine öffentliche Ordnung hervor: Lehre wird empfangen, zuverlässigen Menschen anvertraut, in der Versammlung vorgetragen, in der Kirche bewahrt und in strittigen Fragen gemeinsam entschieden. Daraus folgt für die Kanonfrage, dass die geschichtliche Rezeption dieser apostolischen Kirche zu prüfen ist.
Zeugnis der Überlieferung Glaube und Überlieferung
Die Kirche liest diese Stellen als Zeugnis der apostolischen Überlieferung
Die Kirche empfängt die apostolische Lehre als Überlieferung und bewahrt sie im Beistand des Heiligen Geistes.
Die Konstitution Dei Verbum (DV) beschreibt in den Nummern 7 bis 10 die apostolische Überlieferung als das, was die Apostel empfangen und weitergegeben haben und was in der Kirche unter dem Beistand des Heiligen Geistes bewahrt wird. Überlieferung meint dieses Weitergeben der apostolischen Lehre in der Kirche. In den angeführten Stellen erkennt die Kirche das Zeugnis dieser Ordnung: Apostolische Lehre hat in der Kirche ihren Ort und wird dort bewahrt.
Der Katechismus der Katholischen Kirche (KKK) verbindet diese Weitergabe mit dem Zeugnis der Kirche und dem Dienst des Lehramts (KKK 76; 84–87), also dem Dienst, der die Lehre der Kirche verbindlich vorlegt. Die Kirche erkennt den Kanon durch dieselbe apostolische Überlieferung, durch die sie die heiligen Schriften empfängt. In dieser Weitergabe empfängt sie den Bestand der heiligen Schriften, die die apostolische Lehre bezeugen. Damit hält die Kirche die Antwort auf die Frage bereit, wie apostolische Lehre bis in die Gegenwart weitergegeben und wie in strittigen Fragen zwischen rechter und falscher Lehre unterschieden wird.
Die Liste der Bücher Glaube und Überlieferung
Wenn die Bibel apostolische Lehre bezeugt: Wo findet sich dann die Liste der 73 Bücher?
Die vier Stellen handeln von der empfangenen Unterweisung, von Menschen, denen die Lehre anvertraut wird, von der Kirche und von einer konkreten Lehrentscheidung; die Liste der 73 Bücher des katholischen Kanons steht in keiner von ihnen.
Keine der vier Stellen nennt die Bücher des christlichen Kanons einzeln. Damit scheint der biblische Befund für die Kanonfrage unzureichend.
Für die Kanonfrage haben diese Stellen eine andere Aufgabe: Sie zeigen die öffentliche Ordnung, in der die Kirche das Überlieferte bewahrt und Streitfragen entscheidet. Nach KKK 120 ließ die apostolische Überlieferung die Kirche erkennen, welche Schriften in das Verzeichnis der heiligen Bücher aufzunehmen sind. Bevor die Geschichte dieser Unterscheidung in den Blick kommt, steht ein Einwand gegen sie im Raum: Begrenzt Jesu Wort von Abel bis Zacharias den Kanon auf die hebräischen Schriften?